„Sondergesetze fördern die Ungleichbehandlung“

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fraences
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„Sondergesetze fördern die Ungleichbehandlung“

Beitrag von fraences »

„Sondergesetze fördern die Ungleichbehandlung“
Interview mit dem Verein Doña Carmen über Prostitution/Sexarbeit in Frankfurt am Main


Baha Kirlidokme

Mit der Eröffnung des Frankfurter Hauptbahnhofs 1888 entstand das Bahnhofsviertel und mit ihm ein zentraler Knotenpunkt von Migration, Handel und Vergnügungskultur. Damit ist das Viertel eng mit der Geschichte der Prostitution/Sexarbeit1 verbunden. Schon früh griff die Stadt regulierend ein, indem sie Prostitution räumlich bündelte und zugleich unter polizeiliche Aufsicht stellte. Nach 1945 erhielt das Viertel eine zusätzliche Dynamik durch die Präsenz amerikanischer GIs, also US-Soldaten, die von 1945 bis 2005 – das heißt über 60 Jahre – in Frankfurt stationiert waren. Die rechtliche Stellung von Sexarbeit blieb dabei widersprüchlich. Während das Prostitutionsgesetz von 2002 erstmals eine Verbesserung der rechtlichen Lage von Sexarbeiter*innen anstrebte, verschärfte das Prostituiertenschutzgesetz von 2017 erneut die Auflagen. Zugleich ist die Sexarbeit im Bahnhofsviertel seit Jahrzehnten eine Projektionsfläche für städtische Ordnungspolitik, Aufwertungsstrategien und moralische Auseinandersetzungen.
Der Verein Doña Carmen setzt sich seit 1998 im Frankfurter Bahnhofsviertel und darüber hinaus für die sozialen und politischen Rechte von Prostituierten/Sexarbeiter*innen ein und bietet ihnen Beratung an.
Vor diesem Hintergrund hat Baha Kirlidokme ein Gespräch mit Juanita Henning, Gründerin von Doña Carmen, und Fraences Funk geführt, die ebenfalls langjährig im Verein aktiv ist. Darin geht es um die Geschichte der Prostitution/Sexarbeit, die Zeit der Pandemie, um Solidarität und Zusammenhalt, um den Schutz und die Kriminalisierung von Sexarbeiter*innen sowie um die politische und beraterische Arbeit des Vereins. Auch gesellschaftlich umstrittene Themen, die meist ohne die Perspektive von Prostituierten/Sexarbeiter*innen verhandelt werden, kommen dabei zur Sprache. Doña Carmen plädiert – ausgehend von über 25 Jahren Erfahrungen aus der Praxis – für eine rechtliche Gleichstellung von Sexarbeit in der Prostitution mit anderen Erwerbstätigkeiten.Frankfurt gilt als einer der Hotspots für Prostitution in Deutschland. Allein im Bahnhofsviertel befinden sich 21 Bordelle. Der erste „Boom“ kam bekanntlich mit den alliierten Truppen, die sich nach Auszahlung des Solds regelmäßig im Bahnhofsviertel amüsierten. Wie ging diese Entwicklung bis heute weiter?
Juanita Henning: Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Prostitution hier im Bahnhofsviertel zunächst auf der Straße. Danach hat man sie von der Straße geholt und viele der Prostituierten in „Die Gurke“ gebracht, ein Bordell, bestehend aus fünf Häusern. Die Frauen waren damals Deutsche, Österreicherinnen und Jüdinnen. In den 1980er Jahren kamen dann überwiegend Thailänderinnen, in den 1990er Jahren Latinas und in den frühen 2000er Jahren Osteuropäerinnen, um im Bahnhofsviertel in der Prostitution zu arbeiten. Letzteres begann aber auch schon in den 1990er Jahren, mit den Assoziierungsabkommen Abkommen durften auch Nicht-EU-Staatsangehörige in Deutschland arbeiten, zum Beispiel Menschen aus Polen oder Rumänien. Wir haben viele Frauen beraten, die trotzdem von Abschiebungen bedroht waren, weil sie hier angeblich nicht arbeiten durften.
Es gab damals einen Präzedenzfall, in dem eine polnische Frau geklagt und Recht bekommen hatte. Wir haben zu der Zeit aber auch vier Frauen aus den Niederlanden beraten, die von der Ausländerbehörde abgewiesen wurden, weil sie angeblich kein Recht gehabt hätten, hier zu arbeiten. Das war nicht richtig und wir haben ihnen dann geholfen wieder zurückzukommen. Während der ganzen Zeit kamen immer mehr Bordelle hinzu. Das waren ehemalige Wohnhäuser, die dann in Bordelle umgewandelt wurden. In den 1990er Jahren war die „Amtssprache“ in den Bordellen spanisch, da die Frauen überwiegend aus Kolumbien und der Dominikanischen Republik kamen. Auch diese Frauen waren im Jahr 2000 von einer großen Abschiebewelle betroffen, wobei rund 1.000 Frauen nach Lateinamerika abgeschoben wurden.

Wie sah diese Abschiebeoffensive Anfang der 2000er in Frankfurt aus?
Juanita Henning: Die Behörden hatten teilweise schon Flugzeuge gebucht und die Frauen direkt aus den Bordellen in die Flugzeuge verfrachtet. Wir haben damals gegen diese große Razzienwelle protestiert. Wir haben hier im Viertel Unterschriften dagegen gesammelt. Geschäftsbesitzer und viele, die damals hier gearbeitet und gelebt haben, haben sich mit uns gegen die Razzien ausgesprochen. Allen im Viertel war klar, dass die Razzien nicht zum Schutz der Frauen stattfanden. Die Leute kannten die Frauen und wussten, woher sie kamen. Sie haben hier eingekauft, gegessen, gelebt. Einen Großteil des Geldes, das sie im Bahnhofsviertel verdient hatten, haben sie hier natürlich auch ausgegeben. Diese Razzien waren sehr rabiat, die Polizei hat die Türen zu ihren Bordellzimmern eingetreten und ist mit Maschinenpistolen reingestürmt. Bundesweit stürzten bei diesen Razzien fünf Frauen aus den Fenstern der Bordelle. Auch in Frankfurt war eine Frau aus dem zweiten Stock gestürzt und wurde schwer verletzt. Seitdem wurden diese Razzien von der Feuerwehr begleitet und die Bordellbetreiber gaben den Polizisten einfach die Zimmerschlüssel. Frankfurts damaliger Oberbürgermeister Walter Wallmann von der CDU wollte die Prostitution aus dem Bahnhofsviertel raushaben. Er wollte sie in die Breite Gasse verlegen, eine Straße in der Frankfurter Innenstadt, wo heute das Gesundheitsamt ist. Den Bordellbetreibern wurde in Aussicht gestellt, dass sie weniger kontrolliert werden, wenn sie dorthin umziehen. Auf jedem Stockwerk des Gebäudes, das ihnen in Aussicht gestellt wurde, sollte ein Betreiber sein. Das hat letztendlich nicht geklappt.

Woran ist die Verdrängung aus dem Bahnhofsviertel gescheitert?
Fraences Funk: Einer der Bordellbetreiber ist abgesprungen, woraufhin die anderen auch nicht mehr wollten. Der Versuch, die Prostitution aus dem Bahnhofsviertel herauszudrängen, hat in Frankfurt generell nur mit mäßigem Erfolg funktioniert. Stattdessen wurde das Viertel zunehmend gentrifiziert. Alteingesessene Familien und kleine Gewerbe wurden vertrieben und es zogen erst einmal Studierende und Künstler ins Viertel, später Durchreisende. Gegenüber unserer Beratungsstelle haben früher griechische Kürschner ihr Handwerk betrieben und Familien gewohnt. Im Erdgeschoss ist eine Spielhalle reingekommen. Davon wurden hier im Areal mittlerweile viele eröffnet. Früher war es hier sehr durchmischt. Es gab Sexarbeiter*innen und eine vielfältige Bevölkerung. Das war ein Unterschied zur Breite Gasse, wo vor allem Gewerbe angesiedelt war und wenige Anwohner lebten. Im Bahnhofsviertel hat die Mischung jedoch gut funktioniert. Den Menschen konnte man nicht mit Menschenhandel und ähnlichen Märchen kommen. Jemand sagte mal, dass es niemand besseren gab, um auf die Kinder aufzupassen, als die Frauen hier auf der Straße. Viele von ihnen waren ja selbst Mütter. Die Prostitution hat sich zunehmend im Viertel konzentriert, dazu kamen dann Spielhallen und später auch die Drogenkonsumräume. Das führte in der Konzentration dazu, dass man automatisch ein eher schlechtes Bild vom Viertel hatte. Das ging bei einigen mit der Absicht einher, Prostitution in ein schlechtes Licht zu rücken und zu delegitimieren. Aber das ist nicht gelungen, da Prostitution auch viel Geld einbringt. Am schwierigsten ist für uns die starke Konzentration der Drogenkonsumräume und damit auch der Drogenabhängigen auf den wenigen Straßen hier im Viertel. Und wenn unser Hauseingang zum Spritzraum oder zur Toilette umfunktioniert wird, ist das natürlich unangenehm. In dem Haus, in dem unsere Beratungsstelle ist, sind gegenwärtig zwei Wohnungen frei, in denen trotz der günstigen Miete niemand wohnen möchte. Ansonsten läuft das Zusammenleben im Viertel für uns problemlos.

Wie sah das Bahnhofsviertel während der Corona-Pandemie aus?
Juanita Henning: Frauen, die Hilfe brauchten, haben uns die Türen eingerannt. Während der Pandemie wurden sämtliche Bordelle geschlossen und vor allem Hessen hatte eine sehr lange Schließzeit im Bereich der Sexarbeit. Stattdessen haben viele Frauen auf der Straße gearbeitet, was aufgrund der Sperrgebietsverordnung eigentlich gar nicht erlaubt war. Man sollte wissen: In rund 98 Prozent der Gemeinden in Deutschland ist Straßenprostitution verboten. Der erste Verstoß dagegen ist eine Ordnungswidrigkeit, der zweite schon eine Straftat. Es gab während der Pandemie nur wenige Betreiber, die den Frauen erlaubten, in dieser Zeit in ihren Häusern zu leben. Die übrigen Sexarbeiter*innen waren im Viertel mit horrenden Mieten konfrontiert. Viele haben zu der Zeit in den umliegenden Hostels gewohnt, weshalb wir sie bei ihren Arbeitslosengeld-II-Anträgen unterstützt haben. Das Jobcenter hatte ihnen den Lebensunterhalt gezahlt, nicht aber die Miete, obwohl es dazu rechtlich verpflichtet war.

Ihr würdet sagen, dass es eine Form der Solidarität mit den Frauen und eine Art Zusammenhalt im Bahnhofsviertel gibt?
Fraences Funk: Man kann zwar im Viertel seine rassistischen Sprüche ablassen, doch damit kommt man nicht weit, hier gibt es zu viele Nationen. Die Pizzerien hier wurden früher überwiegend von Italienern betrieben, heute von Indern. Wenn man dort anruft und sagt, man will eine Pizza indisch, oder eine Pasta indisch, steht das zwar nicht auf der Karte, aber das juckt niemanden. Man kriegt seine Pasta indisch. Mit Rassismus kommt man im Viertel nicht weit.
Juanita Henning: Nicht immer war das so. 1994 gab es einen Vorfall im eher noblen Westend, gerade mal einen Steinwurf vom Bahnhofsviertel entfernt. In einer Luxushostessenwohnung wurden sechs Osteuropäerinnen ermordet. Das Entsetzen war groß, der Täter ist im Haus von Zimmer zu Zimmer gegangen und hat systematisch eine Frau nach der anderen brutal ermordet.3 Es kam aufgrund dieses Ereignisses in Frankfurt zu einem informellen „Gentlemen’s Agreement“ zwischen Bordellbetreibern, der Polizei und der Stadt, dass die Bordelle nur noch Frauen aus Lateinamerika oder Thailand beschäftigen sollten. Das wurde dann längere Zeit so praktiziert, bis dann im Jahr 2000 die lateinamerikanischen Frauen massenhaft abgeschoben wurden.

Gibt es heute immer noch so viele Razzien?
Fraences Funk: Solch martialische Bordell-Razzien wie früher gibt es gegenwärtig nicht. Damals hatten wir angefangen, eine eigene bundesweite Razzien-Statistik zu führen und mussten feststellen, dass innerhalb von vier Jahren jede Frau im Prostitutionsgewerbe mindestens einmal überprüft wurde. Das war für die Frauen ein Problem, denn sobald die Polizei da war, ging kein Gast mehr in die Bordelle. Das spricht sich nämlich schnell rum. Heute gibt es nach wie vor viele Routine-Polizeikontrollen in den Häusern. Aber sie sind nicht publik, denn die Polizei gibt den Medien vorher nicht mehr Bescheid. Die Polizei und die Steuerfahndung gehen also schon noch in die Bordelle und kontrollieren die Sexarbeiter*innen.
Die Nachfrage nach Sexarbeit steigt bekanntlich während Großveranstaltungen.

War das während der Fußball-Europameisterschaft der Männer 2024 auch der Fall?
Fraences Funk: Tatsächlich sind Spielzeiten während einer Fußball-EM relativ mau, weil die meisten Männer vor dem Fernseher abhängen. Danach kommt es darauf an, wie ein Spiel ausgegangen ist. Aber ja, wenn Kunden aus dem Ausland anreisen, kann das zu einer stärkeren Nachfrage führen. Hier verdient man als Sexarbeiter*in aber dennoch nicht das ganz große Geld. Denn die Männer sind dann in Gruppen unterwegs, Freier gehen jedoch lieber alleine ins Bordell.

Immer wieder hört man auch von Auseinandersetzungen zwischen Sexarbeitenden und den Finanz- und Steuerbehörden. Es gibt das sogenannte Düsseldorfer Verfahren, das als „freiwillige Vorauszahlung“ eine Rolle bei der Besteuerung von sexuellen Dienstleistungen spielt. Wie funktioniert das?
Juanita Henning: Das Düsseldorfer Verfahren ist keine gesetzliche Regelung, sondern beruht auf Verordnungen einiger Landesregierungen. Die Teilnahme an diesem Verfahren ist „freiwillig“. Es sieht vor, dass die Frauen als eine „freiwillige Vorauszahlung“ pro Tag 15 Euro zahlen. Das soll angeblich die Besteuerung von Prostitution für das Finanzamt erleichtern, ersetzt aber nicht die Steuererklärung, die auch Frauen in der Prostitution abgeben müssen. Wir haben allerdings viele Schwierigkeiten mit dem Düsseldorfer Verfahren. Unserer Meinung nach ist das
eine mafiöse Form der Steuereintreibung. Die Steuerfahndung geht in die Bordelle und versucht die Frauen dazu zu bewegen, an diesem Verfahren teilzunehmen. Ihnen wird gesagt, das mache es für sie steuerlich leichter. Die Bordellbetreiber kassieren hierbei jeden Tag die 15 Euro von den Frauen, die sie an die Steuerfahndung weitergeben. Viele Frauen unterliegen dann dem Trugschluss, dass sie dadurch keine Steuern mehr zahlen müssten. So kommt es in vielen Fällen dazu, dass Frauen später Schulden beim Finanzamt haben. Eine Frau schafft es, gut durchs Leben zu kommen und steht am Ende doch vor einem Berg von Schulden. Wir raten den Frauen deshalb, nicht am Düsseldorfer Verfahren teilzunehmen, sondern einfach jährlich ihre Steuererklärung zu machen. Wir hatten dazu auch Gespräche mit Parteien im hessischen Landtag geführt, darunter SPD, Grüne, FDP und Linke. Man war sich einig, das Verfahren abzuschaffen. Doch dann kamen die Grünen in die Regierung und haben ihr Wort nicht gehalten. Eine Zeit lang hatten sich auch alle Frankfurter Betreiber zusammengetan, um gegen dieses Verfahren vorzugehen. Sie gingen sogar bis zum Oberlandesgericht. Nach vier Jahren jedoch machten einige Betreiber einen Deal mit der Steuerfahndung. Und das Düsseldorfer Verfahren blieb. Bis heute gibt es nur wenige Betreiber, die an diesem Verfahren nicht teilnehmen. Aber sie haben in der Folge permanent die Steuer-fahndung im Bordell und auch in ihren Privatwohnungen.

Bis 2013 gab es in Frankfurt einen Nachtbus für Prostituierte auf dem Straßenstrich an der Messe, bis die Finanzierung auslief. Was war passiert?
Juanita Henning: Anfang der 1990er habe ich bei dem Verein Huren wehren sich gemeinsam (HWG)4 gearbeitet, als seinerzeit der Nachtbus bewilligt wurde. Die Idee war, dass die Frauen mit diesem Bus einen Ort haben, wo sie sich in kalten Nächten aufwärmen konnten und wo man ihnen auch gesundheitliche und rechtliche Informationen gab. Wir haben beispielsweise in Absprache mit der Polizei ein Heft herausgegeben, auf dem die Autonummernschilder von Freiern notiert waren, die nicht sauber waren. Nachdem die Finanzierung durch die Stadt
Frankfurt auf 80.000 DM gekürzt wurde, konnte HWG den Bus nicht weiter betreiben. Wir hatten damals schon den Verein Doña Carmen gegründet und der Stadt angeboten, das Bus-Projekt zu übernehmen. Doch der Zuschlag ging an eine christliche Organisation, die sich auch heute noch gegen Prostitution ausspricht. Diese Organisation sagte, sie sei für Frauen, aber gegen Prostitution, was für mich aber nicht zusammengeht. Anstatt die Frauen zu unterstützen, wollten sie den Bus nutzen, um Frauen aus der Prostitution rauszuholen. Das Projekt wurde jedoch eingestellt, als man feststellen musste, dass dieses Ziel nicht erreicht werden konnte.

Juanita Henning: Die Frauen kommen explizit hierher, um der Prostitution nachzugehen.
Wir haben 1991 eine Befragung unter den überwiegend lateinamerikanischen Frauen gemacht, wie und warum sie im Bahnhofsviertel in der Prostitution arbeiten und hierherkommen. Diese Studie ergab, dass sie freiwillig hier sind und dass Menschenhandel ein Mythos ist. 90 Prozent von ihnen kamen hierher, um in der Sexarbeit tätig zu sein. Ihr Verdienst war teilweise besser, als sie erwartet hatten. Lediglich rund 10 Prozent von ihnen kamen nicht hierher, um der Prostitution nachzugehen. Sie hatten zunächst eine andere Tätigkeit und wechselten erst anschließend in die Prostitution. Das heißt aber nicht, dass sie gezwungen wurden. In der Regel waren das Frauen aus lateinamerikanischen Großstädten mit reichlich Lebenserfahrung. Sie hatten sich Geld geliehen, um nach Deutschland zu kommen, und sie hatten ihre Schulden innerhalb von rund drei Monaten abgearbeitet. Sie haben von Anfang an ihren Familien zu Hause Geld schicken können. Das ist eine interkontinentale Pendlermigration in die Prostitution. Daher hatten wir keine Veranlassung, uns für die Frauen, aber gegen die Prostitution auszusprechen.

Juanita Henning: Ja, aber das ist nur eine Behauptung. Die Kriminalstatistik belegt, dass Straftaten in diesem Bereich in den vergangenen 25 Jahren rapide gesunken sind, obwohl das prostitutionsspezifische Strafrecht in dieser Zeit immer weiter verschärft wurde. Auch der Rückgang der organisierten Kriminalität in diesem Bereich ist belegt. Und: Die Frauen wissen, was sie tun.5

Aber gibt es nicht so etwas wie eine Dunkelziffer?
Juanita Henning: Seit 30 Jahren höre ich immer wieder vom Dunkelfeld. Aber die Prostitution ist sehr stark überwacht. Bevor eine Frau auch nur einen einzigen Kunden hat, haben sich bei ihr schon fünf verschiedene Ordnungsdienste die Klinke in die Hand gegeben. Denn wer in der Prostitution arbeitet, ist immer im öffentlichen Raum, ist immer sichtbar. Man möge mir doch mal zeigen, wo dieses Dunkelfeld sein soll.
Fraences Funk: Das Dunkelfeld-Argument kommt immer dann, wenn sich nicht bestätigt, was von der Prostitution erwartet wird, nämlich dass sie mit Kriminalität einhergeht. In der Wissenschaft wird in diesem Zusammenhang von „seltener Kriminalität“ gesprochen. 2023 gab es bundesweit 41 Verurteilungen wegen Rotlicht-Kriminalität. Das ist mal gerade eine einzige Verurteilung auf 2 Millionen Einwohner hierzulande. Sobald sich das eigene Bild von Prostitution nicht bestätigt, kommt man eben mit dem Dunkelfeld. Seriös lässt sich darüber erst sprechen, wenn es dazu eine Dunkelfeldforschung gäbe. Doch das ist eben in den vergangenen Jahrzehnten nicht erfolgt.

Warum nicht?
Juanita Henning: Das Interesse besteht nicht.
Fraences Funk: Außerdem würde ein großes Dunkelfeld bedeuten, dass die Polizei schlecht arbeitet. Doch in keinem Bereich finden so viele Razzien statt wie in der Prostitution. Der übliche Ablauf ist, dass hunderte Beamte das Viertel für acht Stunden lahmlegen, aber keine schwerwiegenden Kriminalstraftaten feststellen können.
Juanita Henning: Ich finde es immer interessant, wie der Nichtbeweis der Beweis sein soll. Etwas ist nicht greifbar, ist nicht da, und doch soll es etwas belegen können? Das ist Religion. Es ist eine Illusion zu glauben, dass Prostitution etwas durch und durch Kriminelles ist. Die Kriminalität wird ihr zugeschrieben. Man sagt auch häufig, Frauen würden unter Druck gesetzt und würden deshalb nicht aussagen. Aber das stimmt nicht. Mehr als 60 Prozent der Fälle, die vor Gericht landen, haben ihren Grund darin, dass die Frauen selbst ausgesagt haben.
Fraences Funk: Und man muss dazu sagen, dass viele Fälle von Kriminalität im Prostitutionsgewerbe Delikte betreffen, die gar nichts mit Gewalt oder Menschenhandel zu tun haben. So war die „Förderung von Prostitution“ bis zum Jahr 2001 ein eigener Straftatbestand. Wenn Betreiber also ein schönes Ambiente für Frauen schufen, war der Gedanke beim Staat, die Frauen würden aufgrund dessen nicht aus der Prostitution aussteigen. Deshalb sollten Bordelle schmuddelig sein und die Betreiber daran gehindert werden zu investieren. Nachdem man diese Kriminalisierung der Prostitution aufgehoben hatte, gingen auch die Fälle von Kriminalität insgesamt zurück.

Sie sagen also, dass der Staat Gesetze schafft, um die Prostitution so gut es geht zu kriminalisieren.
Juanita Henning: Ja, man verabschiedet Gesetze, um eigentlich nicht strafbare Handlungen als kriminell darzustellen. Das sieht man am Beispiel der Zuhälterei. Es gibt die ausbeuterische und die dirigistische Zuhälterei. Aber wir leben im Kapitalismus: Ausbeutung gibt es also ausnahmslos in allen Bereichen der Wirtschaft. Doch nur in der Prostitution wird sie bestraft. Die dirigistische Zuhälterei zeichnet sich dadurch aus, dass der Zuhälter weisungsbefugt ist und vorgibt, wann und wo man zu arbeiten hat. In anderen Berufen ist das doch genauso, aber nur in der Prostitution wird das kriminalisiert. Ähnlich ist es auch beim Menschenhandel. Es reicht ein allgemeiner Straftatbestand Menschenhandel, einen Straftatbestand Menschenhandel ausschließlich und exklusiv für Prostitution bedarf es nicht.
Fraences Funk: Die Sondergesetze fördern die Ungleichbehandlung.6
Juanita Henning: Natürlich gibt es auch in der Prostitution Kriminalität und Gewalt. Die gibt es ja auch gegenüber Taxifahrern oder in jeglichen anderen Bereichen unserer Gesellschaft. Aber die Kriminalität in der Prostitution ist deshalb nicht prostitutionsspezifisch. Auch da reichen die normalen, für alle geltenden Gesetze.Am 1. Juli 2017 trat das deutsche Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) in Kraft.
Seit dem 1. November 2017 müssen Prostituierte ihre Tätigkeit bei einer „zuständigen Behörde“ anmelden, regelmäßig an gesundheitlichen Beratungen teilnehmen und bekommen zudem einen Anmeldeausweis, den sie mit sich führen müssen. Sie haben für diesen Anmeldeausweis für Prostituierte die Bezeichnung „Hurenpass“ geprägt. Was stört sie an diesem Ausweis?
Juanita Henning: Zunächst war die Blaupause für diesen Pass die Prostitutionsregistrierung in der NS-Zeit. Der Erlass von Reichsinnenminister Wilhelm Frick vom 9. September 1939 etablierte erneut eine staatliche „Erfassung“ von Prostituierten. Schon zuvor, im August 1933, führte NSDAP-Mitglied und SSMann Karl Zach als Essener Polizeipräsident die polizeiliche Reglementierung der Prostitution in Essen wieder ein. Die als „Dirnen“ titulierten Sexarbeiterinnen mussten während ihrer Arbeit ein mit ihrem Lichtbild versehenes „Merkbuch“ mit sich führen. Was damals das „Merkbuch“ war, ist heute der „Hurenpass“.7
Auch heute stehen im Hurenpass Name, Adresse und Angaben, wo man arbeiten darf, dazu ein Lichtbild. Genau wie damals. Dieser Pass soll angeblich die Frauen schützen. In Wirklichkeit handelt es sich hierbei um eine klare Entrechtung und Diskriminierung. Die Frauen müssen einen Wust an Behördengängen zurücklegen. Zuerst müssen sie zu einer Zwangsberatung beim Gesundheitsamt. Gesundheitsschutz wird missbraucht, damit die Frauen sich öffnen und angebliche kriminelle Machenschaften preisgeben. Danach erhält man eine Gesund
heitsbescheinigung, doch manchen wird dieses Papier auch verweigert.
Fraences Funk: Und das ist gesetzeswidrig. Denn die Aufgabe der Gesundheitsberatung ist es, zu beraten und nicht, eine Arbeitserlaubnis zu erteilen oder zu verweigern.
Juanita Henning: Frauen unter 21 Jahren müssen diese Beratungen sogar jedes halbe Jahr absolvieren, ab 21 Jahren dann einmal im Jahr. Das gibt es bei keiner anderen Berufsgruppe. Nach dem Erhalt der Gesundheitsbescheinigung müssen sich die Frauen innerhalb von drei Monaten bei der jeweiligen Ordnungsbehörde anmelden. Dort wird dann erneut ein Gespräch geführt und auf dieser Basis der
Hurenpass erteilt oder verweigert. Es handelt sich dabei also letztlich um eine Arbeitserlaubnis.
Fraences Funk: Diese Beratungsgespräche sind reine Schikane. Was sollen die Frauen denn jedes Jahr oder jedes halbe Jahr Neues erzählen?
Juanita Henning: Und den Hurenpass, den man am Ende erhält, muss man während der Berufsausübung immer bei sich tragen, zusammen mit einem Personalausweis. Sexarbeiter*innen gehören damit zu einer der wenigen Berufsgruppen, die verpflichtet sind, während der Arbeit einen Personalausweis mit sich zu führen. Wenn eine Frau sich mal nicht rechtzeitig um die Verlängerung ihres Hurenpasses kümmert, hat sie erst einmal kein Recht, weiter in der Prostitution zu arbeiten. Hinzu kommt ein Bußgeld. Bei wiederholtem Male kann das sogar
eine Straftat sein.
Fraences Funk: Die Bordellbetreiber achten allerdings darauf, dass es nicht so weit kommt, weil sie Angst davor haben, dass die Polizei das Haus nach einer Kontrolle schließt. So werden auch die Betreiber in die Überwachung der Sexarbeiter*innen
mit eingebunden.
Juanita Henning: Nach Einführung des Hurenpasses haben insbesondere viele haben insbesondere viele Studentinnen sofort aufgehört, weiterhin in der Prostitution tätig zu sein. Denn es besteht die Gefahr, einen Eintrag ins polizeiliche Führungszeugnis zu riskieren, wenn man den Hurenpass mal vergessen hat oder er abgelaufen ist. Vor allem Studentinnen im pädagogischen Bereich, die später mit Kindern arbeiten wollen,
haben mit der Sexarbeit aufgehört, da spätere Arbeitgeber in diesem Bereich verpflichtet sind, vor Einstellungen eines Bewerbers ein erweitertes Führungszeugnis anzufordern.
Fraences Funk: Das macht die Doppelrolle von Prostituierten nochmal deutlich. Einerseits sagt man, sie sind schutzbedürftige Opfer, andererseits kriminalisiert und sanktioniert man sie.8

Als Reaktion auf das neue Gesetz 2017 haben Sie die Aktion „Gib der Repression keine Chance“ gestartet.
Juanita Henning: Genau, nach der Einführung des Prostituiertenschutzgesetzes mussten die Behörden im Hurenpass eintragen, wo die Frauen arbeiten wollten. Sie durften dann aber auch nur an dem eingetragenen Ort arbeiten. Wenn sie an anderen Orten tätig waren, hätten sie eine Ordnungswidrigkeit riskiert. Wir riefen damals die Kampagne „Gib der Repression keine Chance“ ins Leben und schlugen vor, dass sich alle Frauen in ihrem Hurenpass den Aliasnamen „Alice Schwarzer“ eintragen lassen sollten. Zudem stellten wir eine Liste mit allen rund 10.000 bundesdeutschen Kommunen ins Netz und sagten den Frauen, sie sollten sich von den Behörden alle diese Kommunen in ihren Hurenpass eintragen lassen. Die Behörden bekamen natürlich einen Schreck und regten sich tierisch darüber auf. Am Ende wurde den Frauen zugestanden, im Hurenpass als Arbeitsort einfach nur „BRD“ einzutragen.

Ihr habt es vorhin angeschnitten: Wie wurde Doña Carmen eigentlich gegründet?
Juanita Henning: Nach meiner Arbeit bei HWG habe ich beim Gesundheitsamt gearbeitet. Als ich dann meine Abschlussarbeit über kolumbianische Prostituierte in Frankfurt veröffentlicht hatte, wollte mich keine Beratungsstelle mehr einstellen. Von Veranstaltungen wurde ich ausgeladen, weil ich in meiner Arbeit klar benannt hatte, dass Menschenhandel in der Prostitution ein Mythos ist. Das passte nicht ins Weltbild. Die in der Sexarbeit tätigen Frauen organisieren sich selber, von der Anreise beginnend. Sowohl in den Herkunftsländern als auch hier kommen Frauen über Frauen zur Prostitution und nur selten über sogenannte Loverboys. Für mich war klar, dass die Frauen in der Prostitution nicht die Hilfe bekommen, die sie eigentlich brauchten. Ich kannte die Häuser und die Frauen, war regelmäßig bei ihnen. So habe ich Doña Carmen gegründet. Der Verein entstand aus einer Interessenvertretung heraus – aus Migrantinnen, Deutschen, Frauen, Männern. Mein Büro waren damals die Bordelle, ein Telefon hatte ich schon immer bei mir. Wir haben stets nur von Spenden gelebt, wollten keine institutionelle Kooperation mit der Polizei, wie es in diesem Bereich ansonsten üblich war. Für uns war klar: Wir arbeiten nicht mit der Polizei zusammen. Das schließt aber nicht aus, dass wir Frauen zur Polizei begleiten, wenn sie beispielsweise eine Anzeige erstatten wollen.

Ist das Misstrauen gegenüber der Polizei in der Prostitution besonders ausgeprägt?
Juanita Henning: Man kann nicht mit Frauen zusammenarbeiten, die illegalisiert werden, und auf der anderen Seite mit der Polizei zusammenarbeiten. Dafür gibt es auch keine Veranlassung.

Wie sieht die Arbeit des Vereins sonst aus?
Juanita Henning: Wir sind erst einmal eine Interessenvertretung der Prostituierten. Hinzu kommen aber auch ganz praktische Sachen. So können Frauen unsere Postadresse als ihre Zustelladresse angeben. Das machen sie mit oder ohne unsere Zustimmung (lacht). Auch helfen wir bei der Buchführung. Ein zentraler Punkt unserer Arbeit ist aber auch die Beratung. Hier gibt es auch viel
Aufklärungsbedarf. Oft kommen zu uns Frauen, die selbstständig in der Sexarbeit tätig sein wollen. Denen müssen wir dann erst einmal klarmachen, dass das nicht so einfach geht und dass ihr Beruf durch das Strafrecht geregelt wird. Wir machen aber auch viel politische Arbeit, verfassen Stellungnahmen, organisieren Demos und waren mit juristischen Klagen gegen das Prostituiertenschutzgesetz
auch schon beim Bundesverfassungsgericht.

1 Der Streit um die Begriffe „Prostitution“ und „Sexarbeit“ reflektiert unterschiedliche politische und feministische Positionen. Prostitution ist der „klassische“ Begriff, oft neutral oder juristisch verwendet. Doch er wird auch als stigmatisierend aufgefasst, weil er die Arbeitsform auf den Verkauf von Sex reduziert. Dagegen kommt der Begriff „Sexarbeit“ vor allem von sexarbeits-positiven Feminist*innen seit den
1970er Jahren. Er betont, dass es sich um arbeitsteilige, ökonomische Tätigkeiten handelt, ähnlich wie andere Dienstleistungen. Normalerweise betont der Begriff „Sexarbeit“ Selbstbestimmung und Entkriminalisierung, während Kritiker*innen „Prostitution“ meist als patriarchalisch geprägte Ausbeutung verstehen. Die Wahl des Begriffs markiert damit häufig bereits die eigene Haltung in dieser Debatte. Im Fall von Doña Carmen ist das anders. Der Verein verwendet sowohl die Begrifflichkeiten „Prostitution“ als auch „Sexarbeit“ beziehungsweise „Sexarbeiter*innen“. Er plädiert
für die Entkriminalisierung von Prostitution und deren rechtliche Gleichstellung mit anderen Berufen. Doña Carmen weist allerdings darauf hin, dass viele Formen von Sexarbeit wie etwa Table Dance, Telefonsex, Sexarbeit in der Porno-Branche etc. nicht einem diskriminierenden Sonderstrafrecht unterliegen und im Unterschied zu „Sexarbeit in der Prostitution“ nicht rechtlich diskriminiert werden. Deshalb sei die Beibehaltung einer differenzierten Begrifflichkeit sachlich gerechtfertigt und erforderlich.

2 Die Assoziierungsabkommen der Europäischen Gemeinschaft (EG) mit den mittel- und osteuropäischen Staaten in den 1990er Jahren – oft auch Europa-Abkommen genannt – bildeten den institutionellen Rahmen für die Annäherung der ehemals staatssozialistischen Länder an die Europäische Union (EU). Vor dem Hintergrund der politischen Umbrüche nach 1989 sollten sie die wirtschaftliche und politische
Transformation in Richtung Marktwirtschaft und Demokratie absichern und zugleich die Region enger an die EG/EU binden. Auch wenn sie formal keine Beitrittsgarantie enthielten, galten sie weithin als Vorstufe zur späteren EU-Mitgliedschaft.Erste Abkommen wurden Anfang der 1990er Jahre mit Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei abgeschlossen, weitere folgten mit Rumänien, Bulgarien und den baltischen Staaten.

3 In einem Bordell im Westend in Frankfurt wurden am 16. August 1994 sechs Leichen gefunden – ein Mann und fünf Frauen, vermutlich alle erwürgt oder erdrosselt. Gleichzeitig ergaben spätere Ermittlungen, dass vier Sexarbeiterinnen zu den Opfern gehörten und dass die Tat entweder geplant war oder außer Kontrolle geraten ist. Die Polizei war durch einen anonymen Hinweis alarmiert worden; die Hintergründe der
Tat blieben zum Zeitpunkt der Berichte jedoch weiterhin unklar (taz 1994).

4 Huren wehren sich gemeinsam e.V. (HWG) existierte von 1984 bis 1999 in Frankfurt am Main und war ein Selbsthilfeprojekt von und für Prostituierte/Sex arbeiter*innen. Der Verein wurde gegründet, um die Interessen von Sexarbei ter*innen zu vertreten, sie zu unterstützen und öffentlich auf ihre Belange aufmerksam zu machen. Der Vereinsname spielt auf den in der Amtssprache verwendeten Ausdruck „häufig wechselnder Geschlechtsverkehr“ an. Zusammen mit Hydra gehörte HWG zu den ersten und einflussreichsten Organisationen der deutschen Hurenbewegung.

5 Eine aktuelle, großangelegte Studie, die vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegeben wurde, kommt zu ähnlichen Schlüssen: Rund 64 Prozent der befragten Sexarbeiter*innen/Prostituierten gaben an, dass sie mit Prostitution/Sexarbeit angefangen haben, weil sie Geld verdienen wollten, rund 56 Prozent, weil es für sie eine normale Arbeit war, rund 55 Prozent, weil sie mehr Geld als in anderen Berufen
verdienen können, rund 52 Prozent, weil sie es spannend fanden und es mal ausprobieren wollten, rund 49 Prozent sehen es als Selbstverwirklichung. Rund 25 Prozent gaben an, dass sie Schulden hatten, rund 13 Prozent, weil sie Geld brauchten, um eine Sucht zu finanzieren. „Selten kamen Fälle vor, in denen befragte Prostituierte angegeben hatten, dass sie bei Aufnahme der Prostitution von den hier im Fokus
stehenden rechtlich stets inakzeptablen Dritteinflüssen (§ 232 Abs. 3 ProstSchG) – Zwang durch Dritte (3,5 %, n = 1.957), Drohung (3,3 %, n = 1.988) oder Gewalt (2,9 %, n =2.043) – betroffen waren“ (Bartsch et al. 2025: 607).

6 In Deutschland ist Prostitution legal, wird aber durch mehrere Gesetze reguliert. Das Prostitutionsgesetz (ProstG) von 2002 erkannte Sexarbeit als Erwerbstätigkeit an und ermöglichte unter anderem Arbeitsverträge und Sozialversicherungen. Das
Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) von 2017 führte Registrierungspflichten für Sexarbeiter*innen, Genehmigungspflichten für Bordelle sowie Pflichtberatungen ein. Zudem gibt es im Strafgesetzbuch verschiedene Paragraphen, die sich ausschließlich auf Prostitution beziehen: § 184 f StGB („Ausübung der verbotenen Prostitution“); § 184 g StGB („Jugendgefährdende Prostitution“); § 180 a StGB („Ausbeutung von Prostituierten“); § 181 a StGB („Zuhälterei“); § 232 Abs.1a StGB („Menschenhandel“ in die Prostitution); § 232 a StGB („Zwangsprostitution“); § 233 a Abs.1 StGB
(„Ausbeutung unter Ausnutzung einer Freiheitsberaubung“) sowie Art. 297 EG StGB („Sperrgebietsverordnungen“).

7 Siehe dazu Doña Carmen e.V. 2017; zur Reglementierung von Sexarbeit während der
NS-Zeit siehe auch Bajohr/Gaigalat 1991.

8 Ähnlich bewertet dies die Sozialarbeiterin Andrea Stephan von der Beratungsstelle Hydra, die mit Verweis auf die wissenschaftliche Evaluation des ProstSchG (Bartsch et al. 2025) heraushebt: „Die Ergebnisse bestätigen im Grunde das, was wir seit vielen Jahren fordern: Entkriminalisierung wirkt schützend, das gesellschaftliche Stigma schadet den Sexarbeitenden, das Interesse der Behörden an stärkerer Kontrolle und
Überwachung – insbesondere vonseiten des Finanzamts und der Polizei – steht mit dem Interesse am Schutz von Sexarbeitenden in Konflikt. Deshalb unterstützen wir die meisten Empfehlungen aus der Evaluation: Die Weitergabe von Daten aus der behördlichen Anmeldung der Sexarbeit muss aufhören, ebenso wie Scheinfreier-Einsätze der Polizei. Insgesamt können wir sagen, je weniger Auflagen Sexarbeitende erfüllen
müssen, desto eher sind die besonders Marginalisierten unter ihnen vor Erpressung und Ausbeutung geschützt.“ (Röckemann 2025)

Literatur und weiterführendes Infomaterial
Bajohr, Frank/Gaigalat, Michael (1991): Essens wilder Norden. Segeroth. Ein Viertel zwischen Mythos und Stigma. Hamburg: Ergebnisse Verlag.
Bartsch, Tillmann/Küster, Robert/Treskow, Laura/Henningsmeier, Isabel/Renzikowski, Joachim (2025): Evaluation des Gesetzes zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes sowie zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen (Prostituiertenschutzgesetz – ProstSchG). Abschlussbericht. Berlin: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.).
Becker, Theodora (2023): Dialektik der Hure. Von der Prostitution zur Sexarbeit. Berlin: Matthes und Seitz.
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Lambertus.
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Hill, Elisabeth/Bibbert, Mark (2019): Zur Regulierung der Prostitution. Wiesbaden: Springer VS.hördlichen Anmeldung der Sexarbeit muss aufhören, ebenso wie Scheinfreier-Einsätze der Polizei. Insgesamt können wir sagen, je weniger Auflagen Sexarbeitende erfüllen
müssen, desto eher sind die besonders Marginalisierten unter ihnen vor Erpressung
und Ausbeutung geschützt.“ (Röckemann 2025)

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Wer glaubt ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich.Man wird ja auch kein Auto, wenn man in eine Garage geht. (Albert Schweitzer)

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Fakten und Infos über Prostitution