Kriminalisierung ist falsch!
Warum die Rentboy-Razzia niemandem hilft
Kriss Rudolph
Anfang der Woche wurden die Büros von Rentboy.com durchsucht – Grund der Razzia: Man betreibe ein illegales Bordell. Außerdem wirft man den Betreibern Geldwäsche vor. Rentboy.com wurde vor 18 Jahren als erstes schwules Callboy-Portal der Welt gegründet und gehört zu den bekanntesten schwulen Foren Amerikas. Escorts und Masseure können auf der Seite gegen Gebühr ein Profil anlegen, in dem sie ihre Dienstleistungen und Preise annoncieren. Das größte Portal mit über 105.000 Sexarbeiter in 2.100 Städten weltweit ist seit der Razzia geschlossen.
Sogar bei der Krankenkasse bin ich als Escort gemeldet.
Zur Einordnung: Bis 2002 galt käufliche Liebe in Deutschland zwar als sittenwidrig, war aber nicht ausdrücklich verboten. Vor elf Jahren dann verabschiedete die rot-grüne Bundesregierung ein Gesetz, um die rechtliche und soziale Situation von Prostituierten zu verbessern. Ähnlich die Schweiz: Mateusz, der dort als Sexarbeiter sein Geld verdient, erzählt im Interview
für die Präventionskampagne der Deutschen AIDS-Hilfe, IWWIT: „Ich hab sogar einen Businessplan über elf Seiten geschrieben. Mein Job ist staatlich anerkannt, und ich zahle ganz normal Steuern. Sogar bei der Krankenkasse bin ich als Escort gemeldet.”
In den USA ist sowas undenkbar: Dort ist Prostitution illegal, bis auf einige Gemeinden im Bundestaat Nevada. In einem Gastbeitrag für den amerikanischen Nachrichtensender MSNBC zur Rentboy-Razzia schreiben Hayley Gorenberg von Lambda Legal, der größten US-Hilfsorganisation für LGBTI und Menschen mit HIV und AIDS, und Harper Jean Tobin vom National Center for Transgender Equality an diesem Wochenende: „Das Kriminalisieren von Sexarbeit hilft niemandem.”
Die Autorinnen weisen daraufhin, dass im aktuellen Fall – anders als zuvor bei den Razzien der Seiten MyRedbook.com und Craigslist Erotic Services – niemand als Grund angegeben habe, dass man Menschenhandel stoppen oder Opfer schützen müsse. „Diese Seite bedeutete einen sicheren Ort für Escorts, sich auszutauschen und Kunden zu überprüfen. Dies online zu tun, so sagen die Escorts, ist sicherer als auf der Straße. Ohne die Webseite erhöht sich das Risiko für Sexarbeiter – das sei der Effekt der Kriminalisierung.”
Dazu kommt, dass sich die Seite in den vergangenen Jahren regelmäßig für die Gleichberechtigung von Schwule, Lesben und Transgender einsetzte, auch verschiedene Projekte der Community wurden finanziell von Rentboy-Chef Hurant Jeffrey unterstützt. Erst vor zehn Tagen kündigte Rentboy.com eine Bildungsinitiative eigens für Escorts an: „Wir wissen, wie wichtig es ist, eine Ausbildung zu haben. Darum wollen wir hier diejenigen zelebrieren, die einen Traum verfolgen. Wir tun das, in dem wir ihnen Geld für Schulunterricht geben: #Cash4Class …. Du kannst 1.500 Dollar gewinnen.“
In dem Gastbeitrag von Gorenberg und Tobin heißt es, LGBTI-Menschen arbeiteten oft als Sexarbeiter, um zu überleben – weil schwule oder lesbische Jugendliche von ihren Familien verstoßen werden, oder schwarze Transgender-Frauen, die bei konventionellen Arbeitsstellen diskriminiert werden, nicht selten auf der Straße leben.
Die fehlende Unterstützung für junge Schwule, Lesben oder Transgender ist katastrophal
„Die fehlende Unterstützung für junge Schwule, Lesben oder Transgender ist katastrophal”, so die Autorinnen, „und die Tatsache, dass sie oft keine andere Wahl haben als sich zu prosituieren, ist eine Tragödie.”
Diejenigen, die für Strafverfolgung sind, argumentierten oft mit Mythen von Zuhältern oder Menschenhändlern. Eine aktuelle Studie des Urban Institute, ein Think Tank in Washington DC, das Hunderte von jungen und erwachsenen LGBTI-Menschen befragt hat, zeige jedoch, dass nur wenige mit Zuhältern arbeiteten und fast die Hälfte sei zur Sexarbeit durch Freude oder Bekannte gekommen. Wenn man Menschen bessere Chancen geben wolle, sei es jedenfalls nur schwer nachvollziehbar, wie Haft und Strafverfolgung das erreichen sollen.
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