Sport(politik) und Sexarbeit

Beiträge betreffend SW im Hinblick auf Gesellschaft bzw. politische Reaktionen
Klaus Fricke
Nicht mehr aktiv
Beiträge: 1121
Registriert: 05.11.2010, 16:16
Wohnort: Bremen / Sougia - Kreta
Ich bin: Keine Angabe

Sport(politik) und Sexarbeit

Beitrag von Klaus Fricke »

Der anliegende Artikel hat mich veranlasst diesen Thread zu eröffnen


* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *


siehe zum Thema auch:

Freierkriminalisierung:
http://www.sexworker.at/phpBB2/viewtopic.php?t=985

Nord./schwed. Modell:
http://www.sexworker.at/phpBB2/viewtopic.php?t=595 (Schw.Modl.keinExportschlager)!
http://www.sexworker.at/phpBB2/viewtopic.php?t=12147 (Was haltet ihr v. schw. Modl.)

Fußball WM und Sexarbeit.
http://www.sexworker.at/phpBB2/viewtopic.php?t=388

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *


Bezug: Weser-Kurier - 18-12-2014, S. 27
http://www.weser-kurier.de/startseite_a ... 16207.html


Profiboxen in Norwegen wieder erlaubt – Weltmeisterin Cecilia Brækhus darf jetzt auch in ihrer Heimat kämpfen
„Endlich bin ich nicht mehr kriminell“
von SIGRID HARMS


30 Jahre lang war in Norwegen professionelles Boxen verboten. Doch mit dem Erfolg der weltbesten Boxerin Cecilia Brækhus aus Bergen wuchs der Widerstand gegen das Gesetz. Jetzt wurde es abgeschafft.

Cecilia Brækhus hüpfte auf einem Bein, als sie das Ergebnis der Abstimmung am Bildschirm in einem Nebenraum im norwegischen Parlament verfolgte. Die Schiene an ihrem rechten Fuß konnte die weltbeste Boxerin nicht von ihrem Freudentanz abhalten. Jahrelang hatte sie dafür gekämpft, ihre vier Gürtel auch in ihrem Heimatland verteidigen zu können. Doch Profiboxen war in Norwegen mehr als 30 Jahre lang verboten – bis die Mehrheit im Storting am Montagabend für eine Aufhebung des Verbots stimmte.

„Endlich bin ich nicht mehr kriminell“, jubelte die 33-Jährige. Es sei eine schwere Bürde für sie gewesen, in Norwegen für ihren Sport ins Gefängnis geworfen werden zu können. „Ich fühle mich fast wie reingewaschen“, sagte sie der versammelten Presse im Parlament.

„Das wird ein Volksfest“

Seit sechs Jahren lebt Brækhus in Berlin und ist das einzige weibliche Mitglied im Team Sauerland. Als „First Lady“ hat sie die Gürtel der Verbände WBC, WBA, WPB und WBO im Weltergewicht gewonnen. Zuletzt verteidigte sie ihre Titel vor drei Wochen in Kopenhagen gegen die Deutsche Jennifer Retzke, brach sich dabei aber den rechten Fuß. Nun geht sie auf Krücken, doch das war am Montagabend Nebensache. „In ein paar Monaten bin ich wieder auf den Beinen“, sagte die junge Frau aus Bergen an der Westküste Norwegens mit einem breiten Lächeln.

Dass das Parlament nach mehr als 30 Jahren mit einer Mehrheit von 54 zu 48 Stimmen schließlich doch Ja gesagt hat zum Profiboxen, ist eine kleine Sensation. Denn der Widerstand war groß. Der norwegische Sportverband, Ärzte, das Gesundheitsdirektorat und viele in der Opposition warnten vor den gesundheitlichen Risiken.

Doch der zunehmende Erfolg der charismatischen Sportlerin mit kolumbianischen Wurzeln machte das Boxen in Norwegen immer populärer. Am Ende hat die neue Mitte-Rechts-Regierung mithilfe der Liberalen das Boxverbot abgeschafft und das sogenannte Knock-out-Gesetz geändert. Nun darf zum Beispiel ohne Helm gekämpft werden. Die Vorschriften zur Länge der Kämpfe, zum Gewicht der Handschuhe und zum Alter der Boxer sind aber weiter in Kraft. „Wir sind froh, dass diese Regeln immer noch gelten“, meinte Per Tøien vom norwegischen Sportverband. Das Team Sauerland müsse sich aber nun auch den Regeln der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) unterwerfen, wolle Cecilia Brækhus tatsächlich in ihrem Heimatland in den Ring steigen.

Cecilia Brækhus lässt sich von solchen Einwänden nicht die Freude verderben. Sie hofft, schon im nächsten Jahr in Norwegen kämpfen zu können. „Ich werde dafür sorgen, dass es ein Volksfest wird“, versprach sie schon jetzt. Alle seien eingeladen, auch die Sozialdemokraten und die Linken, die gegen eine Aufhebung des Verbots gestimmt hatten. „Die müssen ihr Ticket aber selbst bezahlen.“





K O M M E N T A R



DAS NORDISCHE MODELL

Z i t a t
" „Endlich bin ich nicht mehr kriminell“, jubelte die 33-Jährige. Es sei eine schwere Bürde für sie gewesen, in Norwegen für ihren Sport ins Gefängnis geworfen werden zu können. „Ich fühle mich fast wie reingewaschen“, sagte sie der versammelten Presse im Parlament."

Nordische Staaten, federführend vielleicht Schweden, setzen auf einen fürsorglichen Staat. Gut eventuell für die Sozialgesetzgebung, schlecht, wenn sich der Staat in die Freiheitsrechte seiner Bewohner einmischt. Das norwegiche "KO" Gesetz ist so eine Blüte von fürsorglicher Belagerung, die Bürgerinnnen vorschriften macht, welche Handlungen sie, als volljährige und mündige einvernehmlich vollziehen dürfen und welche nicht. Man kann solche Fürsorgesysteme, die sich in die Entscheidungsfreiheit, in die Lebensgestaltung und -entwürfe von BürgerInnen einmischen, paternalistisch nennen. Menschenrechtlich sind sie, da die Würde des Menschen sich in seiner Freiheit zur Verantwortung realisiert,fragwürdig (Gefahrenabwehr im demokratischen Rechtsstaat, Zur Debatte um ein „Feindrecht“, Heiner Bielefeldt, S.10: Menschenrecht besteht darin, dass der Mensch sich durch den Verzicht auf diese Rechte als Subjekt eigener Verantwortung verleugnen würde; die Selbstpreisgabe als Verantwortungssubjekt aber wäre mit der Würde des Menschen unvereinbar und würde zugleich die Voraussetzung aller normativen Verbindlichkeiten – und damit auch jedweder rechtlicher Verbindlichkeit – negieren. Deshalb postuliert Kant, dass es „unverlierbare Rechte“ gebe, „die der Mensch nicht aufgeben kann, selbst wenn er auch wollte“. kompass.humanrights.ch/cms/upload/pdf/de/mSicherheit_Freiheit_Sicherheit.pdf). Die scheinbar sympathische Fürsorglichkeitsideologie der Nordischen Staaten, man sieht es am Beispiel von Frau Brækhus, hat ihre Schattenseiten.


K i n d e r

Die Fürsorglichkeitsideologie, die nordische Gesellschaften und Staaten prägt, findet sich auch in
anderen Zusammenhängen. Während das Deutsche Rechtssystem eine sehr differenzierte Abstufung von Altersgruppen und deren Rechten kennt und dieses auch begrifflich deutlich macht (Säuglinge, Kinder, Jugendliche, Heranwachsende, junge Erwachsene) kennen nordische Staaten im wesentlichen nur die Unterscheidung Kind (alle Menschen unterhalb der Volljährigkeitsgrenze von 18 Jahren) und Erwachsener. Allen Kindern hat die besondere Fürsorge von Gesellschaft und Staat zu gelten. Das hört sich gut an, verkennt aber, dass die Menschen im Laufe ihres Alterns von der Geburt bis zur Grenze von 18 Jahren einen komplexen Prozess der personalen und auch ethisch moralischen Reifung vollbringen, der es wenig angezeigt macht, sie noch im Alter von 14 oder 16 Jahren nur als Kind und unmündig zu begreifen. Trotzdem haben sich nordische Staaten in der EU und in anderen internationalen Oragnisationen, zusammen mit anderen Staaten durchgesetzt und die Definition „Kinder sind alle Menschen unter 18 Jahren“ in Rechtsform gegossen. Auch hier erzeugt der gute Gedanke der Fürsorglichkeit das, was als Paternalismus bekannt ist, nur dass das Primat der Fürsorglichkeit von Frauenbewegten durchgesetzt und verfochten wird, also vielleicht eher von Maternalismus zu sprechen ist, die Paternalismus ablöst. Der Impetus der Bevormundung aber bleibt, erscheint nun im Gewand der Gleichberechtigung der Frau, wo es in der Sache der Bevormundung um Gleich-ENT-rechtigung geht. Maternalismus oder Paternalismus, egal welches Etikett geklebt oder von wem begründet, Bevormundung bleibt Bevormundung, ist Entmündigung und hat wenig mit Fürsorge viel mit Gängellung zu tun. Ein weiteres Beispiel mit dem leicht verfremdeten Eingangszitat mag dies beleuchten.

" „Endlich bin ich nicht mehr kriminell“, jubelte die 33-Jährige. Es sei eine schwere Bürde für sie gewesen, in Norwegen für ihr BEGEHREN ins Gefängnis geworfen werden zu können. „Ich fühle mich fast wie reingewaschen“, sagte sie der versammelten Presse im Parlament."


S e x k a u f v e r b o t

Auch Frauen sind Kunden von erotischer und sexueller Dienstleistung, wie dieser Artikel: Du bist wunderschön, Sexarbeiter und ihre Kundinnen in Kenia www.sexworker.at/phpBB2/viewtopic.php?p=140624#140624, www.zeit.de/2014/18/sextourismus-ostafrika, sehr gut veranschaulicht. Es geht um westliche Frauen, die in Kenia Zärtlichkeit und sexuelle Anziehung suchen und dafür großzügig sind. Wohl auch schwedische Frauen könnten unter ihnen sein oder norwegische. In Norwegen und Schweden ist es Ihnen untersagt, Zärtlichkeit und sexuelle Anziehung mit Grosszügigkeit zu honorieren. Da gibt es das Sexkaufverbot, die Kriminalisierung der Kundschaft von erotischer und sexueller Dienstleistung.

Auch beim Sexkaufverbot steht die „Fürsorglichkeit“ im Mittelpunkt. Der Staat, frauenbewegt, man könnte sagen matriarchalisch (wenn nicht martialisch) veranlasst, greift, um BürgerInnen zu schützen, so wird gesagt, nicht nur in die Privatsphäre sondern bis in die Intimsphäre durch, sozusagen in Slips und Boxershorts. BürgerInnen, wie es das nordische Modell matriarchal fürsorglich exekutiert, vorzuschreiben, wie sie sich mit ihrem Begehren an andere wenden, ob sie sich großzügig zeigen und Anziehung, Aufmerksamkeit, Einfühlungsvermögen, Zärtlichkeit, Lust, Exotik, Bindungsfreiheit honorieren, ist Bevormundung. Bevormundung und demokratisch plurale Rechtsstaatlichkeit sind Gegensätze.

Welch ein Glück, das Frau Brækhus jubeln darf „Endlich bin ich nicht mehr kriminell“. Welch ein Glück, das wenigstens an dieser Stelle die Fürsorglichkeitsideologie im Gewand der Frauenbefreiung ihr Ende gefunden hat.

Es besteht auch für die nordischen Länder noch Hoffnung auf individuelle Freiheit.