Gottfried Locher über Sexualität und Prostitution

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bienemaya
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Gottfried Locher über Sexualität und Prostitution

Beitrag von bienemaya »

Gottfried Locher lobt Dienste der Prostituierten

René Donzé 8.11.2014, 22:53 Uhr

Gottfried Locher, der Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK, provoziert mit seinen Äusserungen über Prostitution.

Mit gewagten Aussagen zu Sexualität und Prostitution in einem Buch sorgt der Präsident des Kirchenbundes für Kontroversen.

«Befriedigte Männer sind friedlichere Männer.» Das sagt Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes in einem Buch, das dieser Tage erschienen ist. «Darum sage ich, wir sollten den Prostituierten dankbar sein. Sie tragen auf ihre Art etwas zum Frieden bei.»

Im Buch mit dem Titel «Gottfried Locher, der ‹reformierte Bischof› auf dem Prüfstand» äussert er im Gespräch mit dem Autor Josef Hochstrasser seine persönlichen Ansichten zu verschiedensten Themen wie Reichtum, Tod, Fussball und Asyl. Dabei spricht der reformierte Pfarrer Klartext und provoziert – auch in Bezug auf Sexualität. Junge Männer träumten von «Frauen, Freiheit, Kohle, Karriere», ist da zu lesen. Mit dem Alter verändere sich das. Bei ihm melde sich die Sexualität nicht mehr «als Beute verschlingendes Raubtier wie in der Jugend», sagt der 48-Jährige.

Ventil für Männer?

Die Freier bezeichnet Locher als Männer, deren Not so gross sei, dass sie sogar Geld für Sex ausgäben. «Was sich in ihnen an unerfüllter Lust aufstaut, sucht sich immer irgendein Ventil. Unruhige Männer tragen entsprechend auch Gewaltpotenzial in sich.» Prostituierte würden darum einen unerlässlichen Dienst an der Gesellschaft leisten.

Für die Frauen aber habe das Sexgeschäft eine hässliche Fratze: «Sie müssen mit Langzeitschäden an Leib und Seele fertigwerden. Wer seinen Körper prostituiert, schadet ihm auf die Dauer. Und wer ihm schadet, malträtiert auch die Seele.» Das sei eine Hypothek, die nie zurückbezahlt werden könne.

Diese Weltsicht kommt in Fachkreisen nicht nur gut an. «Herr Locher pflegt in diesem Buch ein problematisches sexistisches Weltbild, in dem die Frauen als Ventil der männlichen Lust zu dienen haben», sagt Rebecca Angelini, Mediensprecherin der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration. Und er mache die Prostituierten zu armen Geschöpfen – in Wahrheit aber seien die meisten stark und emanzipiert. «Sie sind nicht Opfer ihrer Arbeit, sondern vielmehr der Stigmatisierung, die damit verbunden ist. Die Klischees im Buch verstärken solche Vorurteile.» Immerhin sei es erfreulich, dass der oberste Reformierte die Sexarbeit als soziale Realität anerkenne.

«Mit Moralisieren ist niemandem geholfen»

Kritik kommt auch von EVP-Nationalrätin Marianne Streiff. Locher probiere zwar, beide Seiten aufzuzeigen und niemanden zu verurteilen. Doch: «Die Darstellung des Mannes ist beleidigend. Als ob er ein Tier wäre, das seine Triebe nicht im Griff hat.» Dabei sollten die Männer heute doch in der Lage sein, ihre Probleme anders zu lösen als mit dem Gang zur Prostituierten. Die EVP-Präsidentin macht sich für eine Eindämmung der Prostitution stark. «Eine Bestrafung der Freier, wie sie in Schweden eingeführt wurde, könnte eine Lösung sein.» Begeistert von Lochers Haltung ist Kathrin Hilber. Die ehemalige St. Galler SP-Regierungsrätin hat sich als Chefin einer nationalen Expertengruppe mit dem Thema befasst. «Diese deutliche Anerkennung der Bedeutung der Arbeit von Prostituierten durch einen kirchlichen Amtsträger erstaunt und beeindruckt mich.» Er bringe das Thema auf den Punkt und habe sich erstaunlich gut in die Frauen hineingefühlt.

Locher ist erstaunt ob der Kontroverse, die seine Worte auslösen. «Ich habe versucht, die ganze Widersprüchlichkeit der Prostitution zu beschreiben. Ich meine, das grosse Leid der Prostituierten hervorgehoben zu haben. Wenn das nicht gelungen ist, dann muss es nachgeholt werden.» Eine Lösung sehe er nicht. In der gefallenen Schöpfung gebe es nun einmal nicht nur das Gute. Als Kirchenvertreter müsse er der Realität in die Augen schauen, er äussere aber seine persönliche Meinung. «Mit Moralisieren ist niemandem geholfen.»

http://www.nzz.ch/nzzas/nzz-am-sonntag/ ... 1.18421473

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Beitrag von bienemaya »

«Männliche Sexualität kann gefährlich werden»
Seine Dankbarkeit gegenüber Prostituierten und seine Aussage, befriedigte Männer seien friedlichere Männer, sorgten für Aufruhr.

Jetzt nimmt Gottfried Locher Stellung.

Pfarrer Gottfried Locher, Präsident des Evangelischen Kirchenbunds, verteidigt seine Aussage. Er befürworte Prostitution nicht, habe aber einfach ein realistisches Weltbild. (Bild: Sandra Dominika Sutter)

Herr Locher*, wegen einer Aussage sind Sie plötzlich in aller Munde. Hätten Sie das erwartet?

Eine Zuspitzung birgt immer Chancen und Gefahren. Damit muss ich leben. Es ist nicht das erste Mal, dass ich anecke. Viele scheuen sich vor klaren Worten. Ich bitte einfach darum, dass man genau hinschaut. Im Buch thematisiere ich das ganze Elend der Prostitution. Ich habe aber auch gesagt, es gebe eine zweite Seite, nämlich die Nachfrage. Dass es diese in allen Gesellschaften und zu jeder Zeit gab, ist unbestritten. Darum finde ich es naiv, zu meinen, man könne dies ändern.

Sie sagen, befriedigte Männer seien friedlichere Männer. Wie meinen Sie das?

Sexualität ist eine grosse Kraft, sonst gäbe es diese grosse Nachfrage nicht. Es macht mich betroffen, dass es die Prostitution braucht. Viele Männer haben offensichtlich ein Problem mit ihrem Sexualleben. Für mich ist Prostitution nichts Gutes, sondern eine Tatsache.

Sie kritisieren in diesem Fall, dass Männer dieses Bedürfnis haben?

Tatsachen sind Tatsachen, und die hier ist eine traurige. Mit der Prostitution kommt viel Leid für viele Frauen. Aber sie zu verbieten, ist genauso wenig eine Lösung. Überschäumende männliche Sexualität kann gefährlich werden.

Wie meinen Sie das?

Meine erste Beerdigung als Pfarrer war ein 19-jähriges Au-pair-Mädchen in England. Die junge Frau wurde von einem Mann umgebracht, der sie vergewaltigt hatte. Der Mann war im Gefängnis und hatte Urlaub. Da wurde mir zum ersten Mal mit voller Wucht bewusst, welch zerstörerische Gewalt fehlgeleitete Sexualität hat.

Ihnen wird ein sexistisches Weltbild vorgeworfen, Frauen hätten als Ventil der männlichen Lust zu dienen.

Unsinn, Frauen und Männer dienen einander gleichwertig. Lust ist für beide da, Frauen und Männer. Erfüllte Sexualität braucht immer zwei, die sich lieben. Das ist ja das Übel an der Prostitution: Sie ist ein Geschäft. Mit Liebe hat das nichts zu tun. Ich finde das schrecklich.

Die meisten Männer kaufen also Sex?

Keine Ahnung. Es gibt aber ganz bestimmt viele Männer, die ihre Sexualität in einer glücklichen Partnerschaft leben und nicht zu Prostituierten gehen. Die Ehe ist der beste Ort für erfüllte Sexualität. Ich habe eine hohe Achtung vor Paaren, die gemeinsam durchs Leben gehen und sich treu sind.

* Gottfried Locher kommt aus Bern und ist Pfarrer und Theologe. Seit dem 1. Januar 2011 ist er Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK).

http://www.20min.ch/schweiz/news/story/ ... --23948446