MIT SCHWARZER GEGEN PROSTITUIERTE – REKTOR UNTERSCHREIBT EMMA-APPELL
Wenn Alice Schwarzer ein neues Buch veröffentlicht, bringt sie regelmäßig jene Menschen gegen sich auf, für deren Rechte sie vorgeblich eintritt. Nachdem sie zuletzt Muslimas von ihren Kopftüchern befreien wollte, sollen nun Prostituierte von ihrer Arbeit befreit werden. Im Rahmen der Buchveröffentlichung forderte sie vergangene Woche in ihrer Zeitschrift EMMA ein Verbot sexueller Dienstleistungen. Da sich unter den 90 prominenten Erstunterzeichner*innen auch Ulrich Radtke, Rektor der Universität Duisburg-Essen (UDE) befindet, appelliert der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) an Radtke, seine Unterschrift zurückzunehmen. Der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen antwortete vergangene Woche mit deutlicher Kritik und einem eigenen Appell, der online unterschrieben werden kann. Statt über die Betroffenen zu reden, solle man mit ihnen reden.
Der EMMA-Appell beginnt voller Pathos und Polemik. Sexarbeit wird als „moderne Sklaverei“ gebrandmarkt, die untrennbar mit dem Frauenhandel verbunden sei und international „white slavery“ genannt werde. Die englischsprachige Wikipedia kennt den rassistisch konnotierten Begriff nur als Ausdruck aus dem 19. Jahrhundert, der sich ausschließlich auf Zwangsprostitution bezieht.
Im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten gebe es nun einen „Deutschen Sonderweg“, der die „moderne Sklaverei“ toleriere und fördere. Gemeint ist damit die rot-grüne Reform von 2002, seit der sexuelle Dienstleistungen nicht mehr als sittenwidrig gelten. „Die Reform des Prostitutionsgesetzes 2002, die angeblich den geschätzt 700.000 Frauen in der Prostitution nutzen sollte, trägt die Handschrift der Frauenhändler und ihrer LobbyistInnen. Seither ist Deutschland zu Europas Drehscheibe für Frauenhandel und zum Paradies der Sextouristen aus den Nachbarländern geworden“, heißt es im EMMA-Appell. Auch in seinen Forderungen bleibt der Appell keinesfalls bescheiden. Das „System Prostitution“ soll kurzfristig eingedämmt und langfristig abgeschafft werden. Die Kund*innen der Sexarbeiter*innen, im Appell „Frauenkäufer“ genannt, sollen geächtet und bestraft werden. Weiterhin werden eine Rücknahme der rot-grünen Reformen, sowie Ausstiegshilfen und Prävention gefordert. „Ein menschenwürdiges Leben ist denkbar“, so der an Zynismus kaum zu übertreffende Abschluss des Appells. Ein solches Leben wird Menschen, die mit sexuellen Dienstleistungen ihr Geld verdienen, hier rigoros abgesprochen.
AStA fordert Distanzierung
Nach Ansicht des AStA würde dies einen Rückschritt in das frühe 20. Jahrhundert und somit eine deutliche Schlechterstellung der Sexarbeiter*innen bedeuten. Der Versuch, der Prostitution wieder den Anstrich des Verbotenen und Anrüchigen zu geben, erscheine unbedacht und offenbare große Vorurteile. Sicherheitsvorkehrungen würden durch ein Verbot der Prostitution unmöglich gemacht, die Gefahr für die Sexarbeiter*innen somit stark steigen“, heißt es in der Pressemitteilung des AStA. Zudem würden sich die Möglichkeiten der sozialen Absicherung massiv verschlechtern, da Sexarbeiter*innen dann beispielsweise keine Möglichkeit mehr hätten sich zu versichern.
Im Besonderen kritisiert der AStA jedoch, dass sich die Kampagne gegen die Äußerungen der Sexarbeiter*innen selbst stellt, die oftmals betont hätten, dass eine Kriminalisierung von freiwilliger Prostitution der Bekämpfung der Zwangsprostitution zuwiderläuft. „Grade jedoch die Bekämpfung von Zwangsprostitution und Menschenhandel sollte im Zentrum der Debatte stehen. Dem stellt sich der Rektor entgegen und dies darf keinesfalls unkommentiert bleiben.“
Erst im vergangenen Oktober hatten aktive und ehemalige Sexarbeiter*innen in Köln den Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen gegründet um der Diskriminierung und Kriminalisierung von Menschen in der Sexarbeit entgegenzuwirken und ihre Arbeits- und Lebensbedingungen zu verbessern. Sonderverordnungen, wie Sperrgebietsverordnungen und das Werbeverbot würden Sexarbeiter*innen in ihrer Arbeit behindern. Auch lägen bei Bund und Ländern bereits Gesetzentwürfe vor, die eine Verschärfung des Prostitutionsgesetzes forderten. „Anstatt die Position der Sexarbeiter_innen zu stärken, droht eine deutliche Verschlechterung der Arbeitsbedingungen in unserer Branche“, sagte das Mitglied Johanna Weber anlässlich der Gründung des Verbandes. „Viel zu lange wurde über uns, aber nicht mit uns gesprochen. Es wird Zeit, dass wir uns von Entscheidungen, die uns betreffen, nicht länger ausschließen lassen!“
„Appell FÜR Prostitution“
Als Reaktion auf die EMMA-Kampagne, veröffentlichte der Berufsverband vergangene Woche einen „Appell FÜR Prostitution“. Die Autor*innen stellen klar, dass ihre Arbeit nicht weniger freiwillig geschehe als andere Jobs. „Gibt es keine Einwilligung zu sexuellen Handlungen, so handelt es sich nicht um Prostitution. Denn Sex gegen den Willen der Beteiligten ist Vergewaltigung“, heißt es im Appell. „Nicht nur Deutsche, sondern auch Migrant_innen sind überwiegend freiwillig und selbstbestimmt in der Sexarbeit tätig. Prostituierte, egal welcher Herkunft, pauschal zu Opfern zu erklären, ist ein Akt der Diskriminierung.“ Das Prostitutionsgesetz von 2002 hält der Berufsverband für ausbaufähig. „Durch die rechtliche Anerkennung hat sich die Situation für Sexarbeiter_innen in Deutschland verbessert. Sie können ihren Lohn einklagen und haben die Möglichkeit, sich zu versichern. Außerdem ist die Schaffung angenehmer Arbeitsbedingungen und Räumlichkeiten nicht mehr als „Förderung der Prostitution“ strafbar.“ Durch das „Schwedische Modell“, dass eine Bestrafung der Kund*innen vorsieht, hätten sich die Arbeitsbedingungen dort extrem verschlechtert. Der Appell fordert ein Ende der Stigmatisierung und die Beteiligung von Sexarbeiter*innen, an politischen Prozessen, die ihre Arbeit betreffen. Eine Ausweitung der Polizeibefugnisse lehnen sie genauso ab, wie eine Kriminalisierung der Kund*innen. Den Betroffenen von Menschenhandel soll ein Bleiberecht, sowie umfassende Unterstützung zukommen. Derzeit können beide Appelle noch online unterzeichnet werden. Welcher zuletzt die meiste Unterstützung bekommt, ist dabei noch völlig offen. Interessant ist allerdings die Zusammensetzung der Unterstützer*innen. Schwarzers Text würde etwa von der Saarländischen Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer und der kompletten CDU-Fraktion im Niedersächsischen Landtag unterzeichnet. Daneben Promis, wie Dieter Nuhr und Reinhold Messner, und einige Vertreterinnen von Frauenprojekten. Unterschriften von Betroffenen und deren Verbänden und Beratungsstellen findet man hier natürlich nicht, unter dem „Appell FÜR Prostitution“ machen sie hingegen ungefähr 50 Prozent aus. „Prostituierte“ gibt hier übrigens kaum jemand als Beruf an. Sexarbeiterin, Escort oder Erotikmodel liest man hingegen häufig, dazwischen auch exotischere Bezeichnungen, wie Kuscheldomina. Mittlerweile hat auch dieser Appell viele Prominente Unterstützer*innen, so unterschrieben Christian Ulmen, Oliver Schott und Ralf Richter das Papier.
In Frankreich wird derzeit eine ganz ähnliche Debatte über Sexarbeit geführt. Auch hier gibt es einen umstrittenen Appell mit prominenten Unterzeichnern. Die Stoßrichtung ist dabei allerdings die Gegenteilige. Ende des Monats soll hier ein Gesetzesentwurf abgestimmt werden, der die Nachfrage sexueller Dienstleistungen unter Strafe stellt und 343 Franzosen fordern nun unter dem Titel „Hände weg von meiner Hure“ die Straffreiheit. Die Kampagne verballhornte dafür nicht nur den Titel einer bekannten antirassistischen Kampagne mit dem Titel „Hände weg von meinem Kumpel“, sondern machte sich außerdem über die 343 Frauen lustig, die sich 1971 dazu bekannt hatten, abgetrieben zu haben. Französische Sexarbeiter*innenverbände distanzierten sich von dem Papier.
http://akduell.de/2013/11/mit-schwarzer ... -appell-4/
(AStA)Uni Duisburg fordert Distanzierung zum EMMA Appell
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(AStA)Uni Duisburg fordert Distanzierung zum EMMA Appell
Wer glaubt ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich.Man wird ja auch kein Auto, wenn man in eine Garage geht. (Albert Schweitzer)
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Fakten und Infos über Prostitution
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