Die Freiheit der Freier, die Freiheit der Frauen

Beiträge betreffend SW im Hinblick auf Gesellschaft bzw. politische Reaktionen
Benutzeravatar
fraences
Admina
Admina
Beiträge: 7517
Registriert: 07.09.2009, 04:52
Wohnort: Frankfurt a. Main Hessen
Ich bin: Keine Angabe

Die Freiheit der Freier, die Freiheit der Frauen

Beitrag von fraences »

Die Freiheit der Freier, die Freiheit der Frauen


In der Debatte um Prostitution gibt es wenige Fakten und viel Ideologie. In diesen Tagen prallen die Fronten aufeinander. Hat eine Seite mehr recht? Die schwierige Suche nach der Wahrheit.

Von LINA TIMM

In Frankreich demonstrieren Prostituierte für ihren Job, Freier bekennen sich öffentlich. In Deutschland wird ebenfalls debattiert – mit anderen Fronten.

Die Kapuze vom Parka tief im Gesicht, der Blick starr auf den Boden, Schultern hochgezogen. Wer den Mann sieht, erkennt gerade noch, dass er groß ist. Und schlank. Es könnte jeder sein. So sehr, wie sich der Mann vermummt, versucht das Haus aufzufallen. Rote Fenster, rote Leuchtstoffröhren, über der Tür steht „Eros-Club“, daneben blinken rote Pfeile die Kundschaft herein.

Das Haus steht in Frankfurt, aber es könnte auch jede andere Stadt sein. Wer hier herauskommt, läuft im Stechschritt weg. Dass einer von ihnen auf einer Liste unterschreibt, deren Unterstützer bekennen, für Sex bezahlt zu haben, oder dass sie zumindest kein Problem damit hätten - schwer vorstellbar.

In Frankreich haben Männer genau das gerade getan. „Touche pas à ma pute!“, Hände weg von meiner Hure, so heißt das Manifest für das Freiertum. Unterzeichnet von 343 Männern, veröffentlicht in der Zeitschrift „Causeur“. Die Namen sind prominent: Schriftsteller, Schauspieler, Journalisten.

Feministinnenfront gegen Hurenverbände

Auf einem deutschen Magazintitel prangt gleichzeitig „Wir fordern: Prostitution abschaffen“. Dazu ebenfalls prominente Gesichter: Maria Furtwängler, Senta Berger, Heiner Geißler, alles im Stil der berühmten Abtreibungsdebatte. Gestartet hat die Kampagne Alice Schwarzer in ihrem Feministinnenblatt „Emma“. Passend dazu gibt sie ein Buch über die Abgründe der Prostitution heraus.

Zu beiden Kampagnen haben sich schon Gegenkampagnen formiert. Die Intellektuellen stürmen voran, beziehen Position, ob sie nun etwas zu sagen haben oder nicht. In Frankreich löste der Vorschlag einer Gesetzesänderung die Debatte aus, und auch in Deutschland liegt es nahe, dass die Politik beeinflusst werden soll. Die Zeit ist günstig, in den Koalitionsgesprächen wird gerade die Linie der nächsten vier Jahre verhandelt. Auch das Thema Prostitution steht auf der Agenda.

Die Konfliktlinie verläuft zwischen der Feministinnenfront und der Liga der Hurenverbände.

Beide streiten sich vor allem über die Frage, ob es Frauen nun erlaubt sein sollte, ihren Körper zu verkaufen. Das Thema ist moralisch aufgeladen; da es kaum Fakten gibt, lässt sich auch mit wenig anderem argumentieren als mit Moral. Zu wenig ist bekannt vor allem über den Kernbereich der Debatte: Wie viel geschieht im Rotlichtmilieu unter Zwang? Die einen sagen: gar nichts. Die anderen sagen: alles.

Frauen von der Straße machen mehr fürs gleiche Geld
Mittendrin steht Oliver. Mit grauer Mütze, grauer Jacke und gepflegtem Dreitagebart lehnt er an der Wand, nur Meter entfernt von den roten Neonröhren. Mancher würde sagen: Stünde er nicht dort, gäbe es auch keine Diskussion.

Oliver hat mit 15 das erste Mal für Sex bezahlt. Jetzt, mit Anfang 40, tut er es jede Woche. „Ich bin halt getrieben. Wenn ich es brauche, komme ich her.“

Am liebsten nimmt er die Frauen von der Straße statt vom Bordell, die machten mehr fürs gleiche Geld. Nur zu kaputt dürften sie nicht aussehen. Oliver arbeitet im Büro, unter seinem echten Namen würde er nie von seinen Frankfurter Nächten erzählen.

Die 343 Namen unter dem französischen Manifest sind alle echt. „343 salauds“, Dreckskerle, nennen sie sich, vielleicht ist Satire dabei, auf jeden Fall Provokation.

1500 Euro müssten Freier in Frankreich zahlen, sollte das geplante Gesetz durchkommen und sie erwischt werden. „Wir wehren uns dagegen, dass die Parlamentarier uns vorschreiben wollen, wie wir uns vergnügen“, steht im Manifest. Die Männer sehen ihre Freiheit bedroht, und in Deutschland jubeln die Hurenverbände.

Trauen sich die Franzosen mehr?

Der Schritt sei längst überfällig, meint Juanita Henning. Sie ist Vorsitzende des Prostituierten-Vereins „Doña Carmen“, auf dessen Internetseite sich ein wütendes Pamphlet gegen die „Emma“ findet.

Der „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen“ hat gleich einen eigenen Appell gestartet. Unterschrieben haben ihn Gunter Gabriel, Christian Ulmen, Bernd Begemann. Sie befürworten Prostitution; ob sie selbst auch Freier sind, steht da nicht. Trauen sich die Franzosen einfach mehr?

Sabine Grenz vermutet: Auch deutsche Männer würden namentlich protestieren, wenn der Staat das Freiertum derart beschneiden würde. Die Göttinger Soziologin hat zu Prostitution und Motiven der Freier geforscht und sagt: „In Frankreich sprechen die Männer genauso wenig darüber wie in Deutschland. Nur ist die französische Rechtsprechung restriktiver.“

Eine Strafe für Freier fordert in Deutschland bis dato nur die „Emma“. Die Kampagne spricht sich aus für die „Ächtung und, wenn nötig, auch Bestrafung der Freier; also der Frauenkäufer, ohne die dieser Menschenmarkt nicht existieren würde“.

Dieter Nuhr hat das unterzeichnet, Hannes Jaenicke und Frank Schätzing. Für eine Antwort auf die Frage nach dem Warum hatten sie, als wir bei ihnen anfragten, „leider keine Zeit“.

„Traurig hat noch nie eine gewirkt“

Und dann streiten sich sogar diejenigen um die richtige Position, die sich wissenschaftlich mit den Abgründen der Gesellschaft beschäftigen. Der Kriminologe Sebastian Scheerer aus Hamburg steht auf der Pro-Prostitutions-Liste und sagt: „Mit wem ich wann und wie sexuell verkehre, ist eine Angelegenheit des Privatlebens. Auch dann, wenn eine Frau das zu ihrem Beruf macht.“ Sein Hannoveraner Kollege Christian Pfeiffer meint: „Wer die grauenhafte Wirklichkeit der Frauen kennt, kann Prostitution nicht unterstützen.“

Diese Wirklichkeit fängt für einige Frauen in Bulgarien, Rumänien oder der Ukraine an und endet in deutschen Flatrate-Bordellen. Das ist die krasse Variante. Es gibt sie, die Berichte von Mädchen, die mit vorgehaltener Waffe oder vorgespielter Liebe nach Deutschland gelockt, tagelang in dunklen Zimmern eingesperrt und „eingeritten“ werden, wie es in der Szene heißt. Die so lange vergewaltigt werden, bis sie ihren Freiern vorspielen können, es würde ihnen Spaß machen.

Zwang? Oliver, der Freier, der noch immer in der Frankfurter Seitengasse steht und nach einer Frau Ausschau hält, zieht Augenbrauen und Schultern hoch. Nö. Er gehe ja immer zu den zwei, drei gleichen. So richtig Deutsch könnten die zwar nicht. „Aber traurig hat noch nie eine von ihnen gewirkt.“ Aber er sei ja auch ein netter Freier.

Ausrotten lässt sich Prostitution nicht

90%, sagt Helmut Sporer. Neunzig Prozent verkaufen ihren Körper nicht freiwillig. Der Kriminalhauptkommissar aus Augsburg beobachtet die Szene seit Jahren, hat auch schon im Bundestag gesprochen. „Es gibt viele Graustufen. Auf der einen Seite der Skala steht die Frau mit den eigenen Schulden, die sie nicht anders abbauen kann, auf der anderen Seite steht Menschenhandel.“

[ Hier steht wie das mit dem Geld funktioniert viewtopic.php?p=109836#109836 Anm. M]

Zahlen zu diesen Opfern gibt es nicht. Man weiß ja nicht einmal, wie viele Frauen tatsächlich anschaffen. Schwarzer spricht von 700.000, Belege nennt sie keine. Die Tageszeitung „Welt“ befragte jüngst 100 Kommunen, ein Viertel wusste gar nichts, der Rest schätzte sich durchs Milieu, am Ende kam man auf 200.000 Frauen.

www.bit.ly/sexworkatlas

Klar ist, dass Deutschland seit dem Prostitutionsgesetz 2002 in dieser Frage ein liberales Land ist. Prostitution ist nicht mehr sittenwidrig, Frauen sollten bessere Arbeitsbedingungen haben, sich sozialversichern können.

44 Frauen haben das bisher in ganz Deutschland getan.

Ziel des Gesetzes war die Befreiung der Frauen. Heute steht es in der Kritik: Befreit worden seien vielmehr die Zuhälter.

Fragt man bei Prostituiertenverbänden, die sich als Sprachrohr aller Frauen verstehen, nach Ausbeutung im Metier, hört man oft von heiler Welt. In öffentlichen Statements ist von Zwang wenig zu lesen. Auch am Telefon wird bestritten, dass es Frauen gibt, die eingeschüchtert werden. Jede, die aussteigen wolle, könne das natürlich. Problemlos. Namentlich in der Zeitung stehen möchte mit solchen Äußerungen dann aber doch niemand.

Weil es zu den Behauptungen keine Zahlen gibt, kann man nur schätzen. Geschätzt hat der Frauenhandel zugenommen. Geschätzt setzt das Gewerbe mehr Geld um. Geschätzt würde keine Frau ihren Körper anbieten, wenn sie eine Alternative hätte. Nur in einem sind sich dann doch alle einig: Ausrotten lässt sich Prostitution nicht.

Wenn Oliver schätzen soll, wie viele seiner Bekannten sich ihre Befriedigung kaufen, sagt er: „Joa. Eigentlich alle, ne?“ Würde nur er jetzt damit aufhören, sagt er, das würde doch gar nichts bringen.

www.faz.net/aktuell/gesellschaft/mensch ... 56514.html
Wer glaubt ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich.Man wird ja auch kein Auto, wenn man in eine Garage geht. (Albert Schweitzer)

*****
Fakten und Infos über Prostitution