Sophie Berlin – Autobiographie eines Freudenmädchens
„Ich wurde Hure, weil ich mehr Sex wollte“
VON SARAH MAJORCZYK
Sophie Berlin (35) arbeitet seit zehn Jahren als Prostituierte. Sie ist ein Freudenmädchen, eine Hure aus Leidenschaft. Sophie arbeitet in Berliner Puffs, aber auch als Wanderhure [Wie findet ihr diesen Begriff?] in Tokio und Sydney, befriedigt bis zu fünf Männer pro Nacht. Bei BILD.de spricht sie über Höhepunkte, skurrile Fetische und Sex als Völkerverständigung.
Sophie Berlin arbeitet seit zehn Jahren als Hure. In ihrem Buch „Freudenmädchen Sophie“ nimmt sie ihre Leser mit auf eine Reise in die Welt des Sexes
„Freudenmädchen Sophie“ erscheint im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf (9,90 Euro)
BILD: Ich war jung und brauchte das Geld – das Klischee schlechthin. Warum wurden Sie Prostituierte?
Sophie: „Ich hatte mich zwar gerade von meinem Freund getrennt und auch keinen anderen Job, Geld schadete also nicht. Aber ich habe deshalb nicht angefangen. Ich wollte einfach mehr Sex, Neues ausprobieren. Ich hatte ein paar Sachen im Kopf, die ich gerne erleben wollte, zum Beispiel einen Dreier.“
BILD: Aber mussten Sie dafür ihren Körper verkaufen?
Sophie: „Nein, aber es war eine einfache und praktische Möglichkeit, Neues zu erleben. Ich war schon immer neugierig. Außerdem ist die Arbeit romantisch.“
BILD: Romantik bei bezahltem Sex?
Sophie: „Jede Frau hat den Wunsch, begehrt zu sein, zu verführen – und das kann romantisch sein. Auch Komplimente zu kriegen ist romantisch. Außerdem gibt es noch eine andere Form von Romantik: den Zusammenhalt zwischen den Mädchen.“
BILD: Hatte Sie nie schlimme Erlebnisse oder Angst?
Sophie: „Ich habe nie Gewalt erlebt oder wirklichen Ekel. Und Angst hatte ich auch nie. Das ist Grundvoraussetzung, um sich einem Fremden so öffnen zu können. Das einzig Gruselige war ein Mann, dessen Füße so stanken, dass ich den Job selbst mit offenem Fenster nicht machen konnte.“
BILD: Sie waren als Wanderhure in Tokio und Sydney – ist der Sex dort anders?
Sophie: „Man versteht sein Gegenüber oft kaum, da ist Sex Völkerverständigung! Die Japaner verstecken ihre Lust oft hinter Höflichkeit. Sie sind sehr reinlich, baden oft vor dem Sex und manche haben komische Vorlieben. Für einen musste ich Tomaten zertreten, während er daneben stand und sich einen runter holte. Australier sind sportlich, kernig und direkt – in dem Puff, in dem ich gearbeitet habe, stand man leider auf Pornos aus den 70ern.“
BILD: Was können Sie als Hure geben, was Ehefrau oder Freundin nicht können?
Sophie: „Diese ganzen emotionalen Verflechtungen, die bei Sex in Beziehungen immer mit im Bett sind, fallen bei mir weg. Das befreit. Die Männer können sich gehen lassen und vielleicht einfach mal üben.“
BILD: Sind Huren die besseren Liebhaberinnen?
Sophie: „Viele machen einen guten Job, aber das ist etwas anderes als privater Sex. Viele Frauen denken, wir hätten alle möglichen Supertricks drauf. Das ist Schwachsinn. Klar ist einiges Handwerk, das man lernt, aber irgendwo hört das auch auf. Der Rest ist Einfühlungsvermögen. Das hat nichts mit Technik zu tun, sondern damit, ob man Menschen mag und ihnen helfen möchte.“
BILD: Ist Sex mit einer Prostituierten in ihren Augen Betrug?
Sophie: „Nein. Wenn man einen Partner hat, der die eigenen Vorlieben nicht teilt, muss man entweder ehrlich sein und sich trennen, oder man holt sich unkompliziert Befriedigung. Gerade Menschen mit Fetischen brauchen Huren.“
BILD: Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Fetischismus und Krankheit?
Sophie: „Jeder Mensch hat das Recht auf solche Bedürfnisse und darauf, dass sie befriedigt werden. Dabei dürfen allerdings keine anderen Leute geschädigt werden. Natürlich gibt es auch Männer, die auf Mädchenschlüpfer stehen oder auf Inzest-Rollenspiele. Wo soll man da die Grenze ziehen?“
BILD: Ein mal Hure, immer Hure – stimmt das Sprichwort?
Sophie: „Wenn man ungebunden ist und Spaß daran hat, warum nicht? Klar verändern einen diese Erlebnisse, aber innen bin ich geblieben, wie ich bin.
BILD: Was soll nach der Prostitution kommen?
Sophie: „Darüber mache ich mir Gedanken, wenn es soweit ist. Im Moment arbeite ich freiberuflich. Ich denke selten an morgen und wenn, dann nur daran, dass ich bald mal wieder in die Sonne möchte. Ich bin keine Frau, die vom Heiraten und Kinderkriegen träumt. Mir ist nur wichtig, dass meine Freunde mich und meine Arbeit akzeptieren. Und das tun sie.“
BILD: Haben Sie sich nie schmutzig gefühlt?
Sophie: „Nein, überhaupt nicht. Ich wusste von Anfang an, dass das meine Sache ist. Auch, wenn es manchmal anstrengend ist, bleibt es für mich spaßig und nicht schmutzig.“
BILD: Wenn sie eine Tochter hätten, würden sie ihr erlauben, dasselbe zu tun?
Sophie: „Klar, unter der Voraussetzung, dass es das ist, was sie wirklich will und sie es nicht nur für das Geld macht. Wenn es Spaß macht, kann Prostitution ein toller Job sein.“
Auszüge aus „Freudenmädchen Sophie“
Sex-Talk mit befreundeten Huren
„Das große Thema war Sex. Es war eine Erleichterung, so viele verschiedene Erfahrungen zusammenzutragen und Meinungen zu hören. Diese Gespräche haben mit Sicherheit manche Macke in meinem sexuellen Verhalten kuriert.“
Sex-Erfahrungsaustausch
„Ohne jede Scheu machten wir uns Komplimente, sprachen angedeutete Einladungen aus, betrachteten und verglichen unsere Brüste, massierten unsere nackten Körper oder wagten auch schon mal eine mutige Kussübung.“
Sex und Freundschaft mit anderen Huren
„Eifersucht gab es natürlich auch, aber in kleinen, gesunden Portionen. Und sie verflog schnell: Denn letztlich hielten wir Mädchen zusammen wie Pech und Schwefel“
Sex, Geld, Sucht
„Der Spaß und das Geld machten süchtig.“
Prostitution als Teil ihres Lebens
„Trotzdem wollte ich versuchen, ehrlich zu sein. Ich glaubte nicht an Liebe, bei der so wichtige Dinge verschwiegen werden mussten. Und ich würde auch nie einen so bedeutenden Teil meines Lebens, wie die Prostitution, für einen anderen Menschen aufgeben.“
Parfum
„Bordell-Chefin Franzi: ,Die Gäste bringen den Geruch von eurem Parfum mit nach Hause und bekommen dann Ärger mit ihren Frauen.’ Es war also besser, ohne einen Duft auszukommen, denn ein überführter Ehemann kam vielleicht so schnell nicht wieder.“
Die große Angst vor Bekannten...
„Viele Mädchen fürchteten sich davor, irgendwann einem Nachbarn oder Bekannten gegenüberzustehen. Franzi erklärte uns, dass wir in dem Fall im selben Boot saßen. Wir konnten die Männer genauso auffliegen lassen, wie sie uns.“
Verliebte Freier
„Sie (Franzi, die Chefin des Bordells) warnte uns vor Männern, die in den Puff gingen, um sich zu verlieben. Manche erlebten den Sex ihres Lebens und gingen davon aus, dass wir alle nur darauf warteten, rausgeholt zu werden. Dann verwechselten sie schnell Lust mit Liebe.“
Gesponsorte Bordell-Besuche
„Viele Japanische ,Salarymen’, Angestellte, nutzten die Hostessclubs, um sich dort nach langen Tagen und harter Arbeit zu entspannen. Dabei tranken sie nicht wenig von dem Whiskey, der unaufgefordert stets vor ihnen stand… Die meisten Betriebe bezahlten für diese Art der Abendunterhaltung ihrer Angestellten und ließen sie den teuren Spaß als Spesen absetzen.“
Sex mit Japanern
„Für mich war das die größte Herausforderung bei der Arbeit in Tokio: diese traditionelle Maske zu sprengen, die Japaner über ihre Emotionen legten. Damit die niemals vor anderen sichtbar wurden. Und niemals, niemals die Gefahr bestand, das Gesicht zu verlieren… Was ich immer an meiner Arbeit geliebt habe, war die Intensität des Kontaktes mit einem fremden Menschen in so kurzer Zeit.“
Japaner und „Pillow-Money“
„,Pillow-Money first, please!' Kopfkissengeld. Die Japaner waren immer erstaunt, dass ich ihre blumige Umschreibung des Hurenlohns kannte, und ich hatte damit schon oft das Eis gebrochen.”
Sex in Sydney
„Eine typische Schicht konnte daher zum Beispiel von 20.30 Uhr am Abend bis 4.30 Uhr am nächsten Morgen dauern. Für gewöhnlich war das auch die Zeit des größten Umsatzes.“
Geschlechtskrankheiten
„Trotzdem gibt es für einige ansteckende Krankheiten sichtbare Symptome. Die konnten wir am Schwanz eines Mannes entdecken, wenn wir ihn uns direkt unter dem Licht der Lampe genau ansahen.“
Resümee einer verliebten Wanderhure
„… ich hatte mich in der Illusion eines nur halbrealen Traumes verloren, weil der Sex so gut gewesen war.“
Sex als Völkerverständigung
„Was ich bei der Arbeit in fremden Ländern jedoch vor allem lernte, war, welch wichtiges Kommunikationsmittel der Sex für Menschen sein kann: ein Spiegel der Kultur, eine zusätzliche Sprache, die alle Menschen verbindet… Auch ohne all die Erlebnisse auf einer rationalen Ebene zu verstehen, wusste ich, dass beim Sex ein wichtiger zwischenmenschlicher Austausch stattfand, ganz ohne Worte.“
Aus dem Job wird ein Beruf
„Irgendwann verflog jedoch der Zauber des Anfangs, und der Job wurde immer mehr zum Beruf, Die Lust blieb, aber es war nicht länger jedes Mal aufregend… Ich verdiente mein Geld, indem ich anderen Freude gab!“
Was Huren brauchen
„Was eine Hure brauchte, war eine gehörige Portion gesunder Menschenverstand, ein großes Herz und jede Menge Humor.“
Schüchterne Männer
„Er war nett, aber unglaublich schüchtern und brachte kaum ein Wort über die Lippen. Aber er schien sehr dankbar, dass ich ihn wie einen normalen Menschen behandelte, obwohl er sich vor lauter Angst, etwas falsch zu machen, oft ziemlich ungeschickt anstellte. Ihm fehlte die Übung. Ich war immer wieder fassungslos, mit wie wenig Sex manche Leute auskommen mussten. So etwas konnte doch nicht gesund sein.“
Gehemmte Männer
„Viele waren zu schüchtern und gehemmt, um Erfüllung für ihre Sehnsüchte zu finden.“
Gestöhne
„Beim Sex sagte er (ein Kunde) mir ständig, ich solle leise sein, weil er sich sonst wie im Porno fühlte und nicht kommen konnte. Es war nicht leicht für mich, den Mund zu halten, und ich war immer ein bisschen beleidigt, dass er mein durchaus echtes Gestöhne mit den künstlichen Geräuschen aus einem Porno verglich.“
Kunden aus Ostdeutschland
„Eigentlich mochte ich die ganzen Ostdeutschen, die in letzter Zeit vermehrt auftauchten. Die waren nicht so kopflastig, hatten ein entspanntes Verhältnis zu ihrem Körper und kamen in der Regel gut mit meiner Lautstärke klar.“
Keine Verpflichtungen zwischen Freier und Huren
„Viele Gäste kamen zu uns, obwohl sie eine Partnerin hatten, und von der Untreue haben wir Freudenmädchen noch keinen Mann geheilt. Wenn aber jedem Menschen eine freie Sexualität zusteht, können wir unsere Köpfe so lange hoch tragen, wie wir nach den Regeln spielen. Denn, obwohl es Ausnahmen gibt, schließt die eigentliche Übereinkunft zwischen und unseren Freiern Forderungen und Verpflichtungen, die über das Vereinbarte hinausgehen, aus. Gefühle kann man bei uns nicht kaufen.“
Sex ist frei
„Jeder hat Macken; doch Sex ist frei und sollte nicht beurteilt werden, solange niemand dabei geschädigt wird.“
Männer mit ungewöhnlichen Vorlieben
„Meine australische Freundin die Zimt erzählte gern und oft von all den feinen Geschäftsmännern, die sich stundenlang in den Studios anpissen ließen. Und einen Fetisch für Frauenkleider hatten noch viel mehr. Man sah es ihnen nie an.“
Sophie Berlin über Prostitution
„Ich jedenfalls würde lieber auf den Mond auswandern, als zu riskieren, in einer Welt ohne Prostitution zu leben.“
Quelle natürlich nicht ohne BILD:
http://www.bild.de/BILD/entertainment/e ... 43458.html
.
Sophie Berlin – Autobiographie eines Freudenmädchens
-
Marc of Frankfurt
- SW Analyst

- Beiträge: 14095
- Registriert: 01.08.2006, 14:30
- Ich bin: Keine Angabe
-
Marc of Frankfurt
- SW Analyst

- Beiträge: 14095
- Registriert: 01.08.2006, 14:30
- Ich bin: Keine Angabe
Noch eine Buch-Rezension
Freudenmädchen Sophie
29. Juni 2008 | 09:47 Uhr | Von Kathrin Emse
Keine Frau würde sich freiwillig prostituieren - heißt es. Doch zumindest für eine Hure stimmt das nicht: Sophie Berlin.
Was sie erzählt, ist kaum zu glauben. Alles scheint dagegen zu sprechen. Aber Sophie Berlin ist aus Überzeugung Hure. Sagt sie. Doch sie weiß: "Ich bin eine absolute Ausnahme. Aber ich bin nicht die einzige."
Sophie Berlin ist eine Prostituierte. Seit zehn Jahren arbeitet die 33-Jährige im horizontalen Gewerbe. Sie fühlt sich zu dieser Arbeit berufen, hat sogar ein Buch darüber geschrieben, dass Prostitution Spaß bringen kann - wenn die Frau sich bewusst ist, was sie da tut. Und es für sich akzeptiert.
Vor allem beim Oral-Sex nehme der Trend hin zum ungeschützten Sex zu
Spaß bringen? Wenn eine Frau ihren Körper verkauft, wenn die Medien am laufenden Band von gewalttätigen Zuhältern, Menschenhandel und Zwangsprostitution berichten? "Klar gibt es das alles", sagt Sophie Berlin. Aber es sei eben nur die eine Seite des Geschäfts. Es gebe auch die andere. Und würde mehr auf diese geachtet werden, hätte das Dunkle in ihrem Gewerbe keine so große Chance.
In den vergangenen Jahren habe die Zahl der Huren stetig zugenommen - aber natürlich nicht die der Männer, die dieses Angebot annähmen, sagt Sophie. Das mache die Frauen erpressbar. "In Berlin liegt der Preis für Sex mittlerweile zwischen 25 und 300 Euro", weiß sie. Letzteres für eine Stunde. "25 Euro, da weiß der Freier doch sofort, dass die Frau das Geld braucht. Da kann er dann auch gleich noch sagen, er wolle den Verkehr ohne Gummi - für einen kleinen Aufpreis." Vor allem beim Oral-Sex nehme der Trend hin zum ungeschützten Sex zu.
"Reich wird man in diesem Gewerbe nicht"
Sophie Berlin ist mit 23 in das Gewerbe eingestiegen. Sie suchte mehr Abenteuer - und mehr Sex, sagt sie. Und natürlich habe sie auch Geld verdienen müssen. Aber das Geld dürfe niemals das einzige Motiv für eine Frau sein, sich zu prostituieren. "Es heißt immer, das sei eine schnelle Nummer, um Geld zu verdienen. Aber reich wird man in diesem Gewerbe nicht. Die Zeiten sind längst vorbei."
Sophie nimmt 120 Euro die Stunde. "Das klingt erst mal nach viel Geld - acht Stunden hat die Nacht, fünf Tage Arbeit. Aber natürlich läuft das so nicht. Mal habe ich drei Gäste die Nacht, mal zwei, drei Nächte nicht einen einzigen." Kein leicht verdientes Geld also. Warum dann?
Sophie sagt, ihr mache die Arbeit Spaß - und nur dann solle eine Frau diese auch ausführen. "Denn wenn die das macht und sich selbst dafür verachtet oder Dinge macht, die sie nicht will, dann macht sie sich ihr eigenes Sexualleben kaputt."
"Was ich nicht machen will, mach ich auch nicht"
Sophie Berlin ist die Hure nicht anzusehen. Im Gegenteil. Mit ihren rot-blonden, leicht gewellten Haaren, den Sommersprossen im Gesicht, blauer Pluderhose und einer oliv-grünen Jacke, die das Grün ihrer Augen widerspiegelt, wirkt sie eher wie das nette Mädchen von nebenan. Und ebenso ist der Sex, den sie ihren Freiern anbietet. Sie arbeitet weder auf dem Strich, noch in einem Puff, sondern in einer sogenannten Model-Wohnung. Sie erinnern an Mädchen-WGs. Zwischen fünf und zwölf Frauen bieten dort ihre Dienste an, unter denen die Männer die für sie Richtige wählen. Sophie Berlin bietet "Girl-Friend-Sex" oder auch "Kuschelsex" an. Spiele oder Gewalt gibt es bei ihr nicht. Wenn ein Mann dies dennoch will, muss er eine andere Frau nehmen. Darin ist die Hure völlig klar und eindeutig. "Was ich nicht machen will, mach ich auch nicht. Sonst wird es krank."
Sophie Berlin hat ein Buch über ihre Arbeit geschrieben. Ein Buch, in dem sie die Prostitution in leuchtendsten Farben ausmalt. Wer "Freudenmädchen Sophie" (Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf) liest, meint, eine absolut naive Frau vor sich zu haben, die alles abspaltet, was nicht in ihr Konzept von Prostitution passt. Sophie kann diesen Vorwurf verstehen. Natürlich habe auch sie negative Erfahrungen gemacht, aber wirklich passiert sei ihr nie etwas - weil sie eben genau wisse, was für sie o.k. sei, und sich daran halte. Im Buch habe sie bewusst alles Negative ausgespart. "Ich wollte einen Kontrapunkt zu der ansonsten sehr einseitigen, dunklen Berichterstattung setzten. Denn so ist es auch nicht. Nicht nur."
"Ich will ja nun auch nicht, dass die Frauen völlig naiv in diesen Beruf gehen"
Aber so ganz rosarot wollte sie das dennoch nicht stehen lassen. "Ich will ja nun auch nicht, dass die Frauen völlig unüberlegt und naiv in diesen Beruf gehen." Sie hat ihrem Selbsterfahrungsbericht daher ein Vorwort vorangestellt. Darin heißt es: "Im Interesse der eigenen Sicherheit und zum Schutz anderer Personen empfehle ich den Einstieg und den Verbleib in der Prostitution nur Frauen mit Erfahrung, für die dieser Beruf auch Berufung ist." Und Sophie ergänzt: "Doch davon gibt es nicht viele. Gerade heute."
http://www.shz.de/schleswig-holstein/ar ... ophie.html
Interessant:
Die Bürgerlichen der Gesellschaft werfen fröhlichen SexarbeiterInnen Abspaltung vor. Dabei kann diese vielmehr als eine erzwungene Gegen-Reaktion verstanden werden auf die Abspaltung der Gesellschaft,
die mit Prostitution nicht konsensualen Tausch Sex gegen Geld sondern in erster Linie organisierte Kriminalität zum Zwecke des Menschenhandels in die sog. Zwangsprostitution sieht und definiert.
Um dieser Definitionsgewalt der Masse und Massenmedien zu entkommen wird ein gewisses Schönreden quasi überlebensnotwendig, um bei kaum protegierten und nicht leichten Arbeitsbedingungen nicht allzubald auszubrennen und durch Frischfleisch ersetzt zu werden.
Das Buch:
http://www.amazon.de/dp/3896028324/
.
29. Juni 2008 | 09:47 Uhr | Von Kathrin Emse
Keine Frau würde sich freiwillig prostituieren - heißt es. Doch zumindest für eine Hure stimmt das nicht: Sophie Berlin.
Was sie erzählt, ist kaum zu glauben. Alles scheint dagegen zu sprechen. Aber Sophie Berlin ist aus Überzeugung Hure. Sagt sie. Doch sie weiß: "Ich bin eine absolute Ausnahme. Aber ich bin nicht die einzige."
Sophie Berlin ist eine Prostituierte. Seit zehn Jahren arbeitet die 33-Jährige im horizontalen Gewerbe. Sie fühlt sich zu dieser Arbeit berufen, hat sogar ein Buch darüber geschrieben, dass Prostitution Spaß bringen kann - wenn die Frau sich bewusst ist, was sie da tut. Und es für sich akzeptiert.
Vor allem beim Oral-Sex nehme der Trend hin zum ungeschützten Sex zu
Spaß bringen? Wenn eine Frau ihren Körper verkauft, wenn die Medien am laufenden Band von gewalttätigen Zuhältern, Menschenhandel und Zwangsprostitution berichten? "Klar gibt es das alles", sagt Sophie Berlin. Aber es sei eben nur die eine Seite des Geschäfts. Es gebe auch die andere. Und würde mehr auf diese geachtet werden, hätte das Dunkle in ihrem Gewerbe keine so große Chance.
In den vergangenen Jahren habe die Zahl der Huren stetig zugenommen - aber natürlich nicht die der Männer, die dieses Angebot annähmen, sagt Sophie. Das mache die Frauen erpressbar. "In Berlin liegt der Preis für Sex mittlerweile zwischen 25 und 300 Euro", weiß sie. Letzteres für eine Stunde. "25 Euro, da weiß der Freier doch sofort, dass die Frau das Geld braucht. Da kann er dann auch gleich noch sagen, er wolle den Verkehr ohne Gummi - für einen kleinen Aufpreis." Vor allem beim Oral-Sex nehme der Trend hin zum ungeschützten Sex zu.
"Reich wird man in diesem Gewerbe nicht"
Sophie Berlin ist mit 23 in das Gewerbe eingestiegen. Sie suchte mehr Abenteuer - und mehr Sex, sagt sie. Und natürlich habe sie auch Geld verdienen müssen. Aber das Geld dürfe niemals das einzige Motiv für eine Frau sein, sich zu prostituieren. "Es heißt immer, das sei eine schnelle Nummer, um Geld zu verdienen. Aber reich wird man in diesem Gewerbe nicht. Die Zeiten sind längst vorbei."
Sophie nimmt 120 Euro die Stunde. "Das klingt erst mal nach viel Geld - acht Stunden hat die Nacht, fünf Tage Arbeit. Aber natürlich läuft das so nicht. Mal habe ich drei Gäste die Nacht, mal zwei, drei Nächte nicht einen einzigen." Kein leicht verdientes Geld also. Warum dann?
Sophie sagt, ihr mache die Arbeit Spaß - und nur dann solle eine Frau diese auch ausführen. "Denn wenn die das macht und sich selbst dafür verachtet oder Dinge macht, die sie nicht will, dann macht sie sich ihr eigenes Sexualleben kaputt."
"Was ich nicht machen will, mach ich auch nicht"
Sophie Berlin ist die Hure nicht anzusehen. Im Gegenteil. Mit ihren rot-blonden, leicht gewellten Haaren, den Sommersprossen im Gesicht, blauer Pluderhose und einer oliv-grünen Jacke, die das Grün ihrer Augen widerspiegelt, wirkt sie eher wie das nette Mädchen von nebenan. Und ebenso ist der Sex, den sie ihren Freiern anbietet. Sie arbeitet weder auf dem Strich, noch in einem Puff, sondern in einer sogenannten Model-Wohnung. Sie erinnern an Mädchen-WGs. Zwischen fünf und zwölf Frauen bieten dort ihre Dienste an, unter denen die Männer die für sie Richtige wählen. Sophie Berlin bietet "Girl-Friend-Sex" oder auch "Kuschelsex" an. Spiele oder Gewalt gibt es bei ihr nicht. Wenn ein Mann dies dennoch will, muss er eine andere Frau nehmen. Darin ist die Hure völlig klar und eindeutig. "Was ich nicht machen will, mach ich auch nicht. Sonst wird es krank."
Sophie Berlin hat ein Buch über ihre Arbeit geschrieben. Ein Buch, in dem sie die Prostitution in leuchtendsten Farben ausmalt. Wer "Freudenmädchen Sophie" (Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf) liest, meint, eine absolut naive Frau vor sich zu haben, die alles abspaltet, was nicht in ihr Konzept von Prostitution passt. Sophie kann diesen Vorwurf verstehen. Natürlich habe auch sie negative Erfahrungen gemacht, aber wirklich passiert sei ihr nie etwas - weil sie eben genau wisse, was für sie o.k. sei, und sich daran halte. Im Buch habe sie bewusst alles Negative ausgespart. "Ich wollte einen Kontrapunkt zu der ansonsten sehr einseitigen, dunklen Berichterstattung setzten. Denn so ist es auch nicht. Nicht nur."
"Ich will ja nun auch nicht, dass die Frauen völlig naiv in diesen Beruf gehen"
Aber so ganz rosarot wollte sie das dennoch nicht stehen lassen. "Ich will ja nun auch nicht, dass die Frauen völlig unüberlegt und naiv in diesen Beruf gehen." Sie hat ihrem Selbsterfahrungsbericht daher ein Vorwort vorangestellt. Darin heißt es: "Im Interesse der eigenen Sicherheit und zum Schutz anderer Personen empfehle ich den Einstieg und den Verbleib in der Prostitution nur Frauen mit Erfahrung, für die dieser Beruf auch Berufung ist." Und Sophie ergänzt: "Doch davon gibt es nicht viele. Gerade heute."
http://www.shz.de/schleswig-holstein/ar ... ophie.html
Interessant:
Die Bürgerlichen der Gesellschaft werfen fröhlichen SexarbeiterInnen Abspaltung vor. Dabei kann diese vielmehr als eine erzwungene Gegen-Reaktion verstanden werden auf die Abspaltung der Gesellschaft,
die mit Prostitution nicht konsensualen Tausch Sex gegen Geld sondern in erster Linie organisierte Kriminalität zum Zwecke des Menschenhandels in die sog. Zwangsprostitution sieht und definiert.
Um dieser Definitionsgewalt der Masse und Massenmedien zu entkommen wird ein gewisses Schönreden quasi überlebensnotwendig, um bei kaum protegierten und nicht leichten Arbeitsbedingungen nicht allzubald auszubrennen und durch Frischfleisch ersetzt zu werden.
Das Buch:
http://www.amazon.de/dp/3896028324/
.
-
Marc of Frankfurt
- SW Analyst

- Beiträge: 14095
- Registriert: 01.08.2006, 14:30
- Ich bin: Keine Angabe
Mehr als Sex – Sophie Berlin schreibt über ihr Leben als glückliche Hure
„Freudenmädchen Sophie“ ist ein unterhaltsames Buch, das einem den Blick in eine Welt eröffnet, über die man so noch nicht gelesen hat
© Die Berliner Literaturkritik, 07.07.08
Prostitution – Sex gegen Geld. Leichte Mädchen, Zwang und Perversion. Kaum jemand, der nicht die schmuddeligen Geschichten aus der Presse von armen, ausgebeuteten Frauen und fiesen Zuhältern kennt. Das älteste Gewerbe der Welt ist behaftet mit Klischees, voller Vorurteile und Mutmaßungen.
Anders kommt nun das, als Autobiografie deklarierte, Buch von Sophie Berlin daher. Jenseits der gängigen Klischees gewährt sie Einblicke in ihren Alltag als Freudenmädchen, ein Beruf, der ihr gleichzeitig Berufung ist. Unbekümmert erzählt sie von anstrengenden Kunden, vielfältigen Sexpraktiken und den kulturellen Unterschieden und Eigenheiten des Gewerbes in anderen Ländern.
Eine „fröhliche Hure“ sei sie, sagt Sophie und betont dabei die Freude, die in dem fast vergessenen Wort „Freudenmädchen“ steckt. Seit zehn Jahren arbeitet sie im Gewerbe, freiwillig und aus Überzeugung. Ihr Einstieg in den Beruf ist sowohl klassisch wie einfach. Nach dem Ende einer Beziehung, auf der Suche nach einem Neuanfang, landet sie in der Puppenstube, einem Hauptstadt-Puff, in dem es zugeht wie auf einer Mädchen-Pyjamaparty. Hier macht sie die ersten Schritte in eine neue Welt, schläft mit den ersten Kunden, schließt Freundschaften mit den anderen Mädchen. Für sie ist es „wie in einem neuen Zuhause ankommen.“ Und von dieser neuen Welt will sie in ihrem Buch erzählen, von Stolz und Zusammenhalt der Mädchen, von Abenteuer, Romantik und dem Sinn der Prostitution.
So folgen dann auch Beschreibungen ihrer Puff-Tage. Schwierige Kunden, champagnergetränkte Nächte, Lachen und Zanken mit den Mädchen, gemeinsame Ausflüge in Clubs. Und vor allem bekommt sie was sie wollte: „viel Sex.“ Denn daran mangelt es nicht in diesem Buch. Detailliert werden die Spezialgebiete der Mädchen, Sado-Maso-Spielchen und Sex zu dritt beschrieben. Auch die einzelnen Kunden werden bedacht: der Minister, mit der Vorliebe für Blasmusik oder „Montagspeter“, der bezeichnenderweise die Puppenstube regelmäßig am ersten Wochentag beehrt.
All das erzählt Sophie Berlin frisch und unverkrampft. Manchmal wird es lustig, oft sinnlich, vor allem voyeuristisch. Gerade was die Abläufe im Bordell angeht, schafft sie die Gradwanderung zwischen Erotik und sachlicher Beschreibung. Leider ist die Sprache dabei oft zu einfach, zu unbearbeitet, wirkt nur über das, was erzählt wird.
Was stimmt, ist das Gefühl, die Neugier, die Lust auszuprobieren, zu entdecken. Sophie lernt viel über Sex, über verschiedene Praktiken, über Vorlieben und immer wieder ist sie erstaunt „wie viel Spaß Arbeit machen kann“.
Und ihre Neugier treibt sie weiter. Als „Wanderhure“ kommt sie nach Tokio, wo es in den Hostess-Clubs keinen Sex, aber Karaoke gibt, wo sie ihr „Kopfkissengeld“ in Bade-Puffs und Love-Hotels verdient und auf absurde Fetische und kulturelle Missverständnisse trifft. In Sydney dann verschlägt es sie in ein Edelbordell, wo der Sex sich wahlweise im ägyptischen-, Kolonial- oder Disco-Zimmer abspielt.
Die Beschreibungen der länderspezifischen sexuellen Eigenheiten erlauben Einblicke, die man so woanders kaum erfahren dürfte, und sie machen das Erzählte anschaulich, wirken die Darstellungen von immer neuen Praktiken, Kunden und Vorlieben auf Dauer doch etwas langatmig und spannungsarm.
Am Ende kehrt Sophie nach Berlin zurück. Der Zauber des Anfangs ist verflogen, der Job wird zum Alltag und sie um die Erkenntnis reicher, dass auch im Gewerbe nicht ausschließlich der sexy Körper zählt, sondern eine gehörige Portion gesunder Menschenverstand, ein großes Herz und jede Menge Humor nötig sind. Und so sind es dann auch die „Anderen“, die Sophie im letzten Teil des Buches bedenkt. Die Gehemmten, die Schüchternen, der „Streichelossi“ und „Schwanzmicha“. Alle die, die körperliche oder geistige Defizite haben oder einfach nur spezielle sexuelle Vorlieben, die sie sonst nirgendwo ausleben können.
Dabei stellt sie niemanden bloß, betrachtet nicht das Traurige, manchmal Peinliche in den Vorgängen, sondern ist vielmehr erstaunt über die Dankbarkeit und Normalität, dieser doch so „anderen“ Kunden. Mit ein wenig zu viel Pathos kommt es daher, wenn sie sich deshalb als kulturelle Botschafterin beschreibt und Huren zu Heldinnen stilisiert, doch die Aussage ist deutlich: die Aufgabe der Prostitution geht weit über das Sexuelle hinaus.
Was Sophie Berlin geschrieben hat ist ein kleines Buch. Sie lässt den Leser teilhaben an ihrem Leben als Hure. Von den Anfängen in der Puppenstube, über ihre Wanderjahre, bis zur Heimkehr in die Hauptstadt.
Ihr Ton dabei ist frisch, jung und unverkrampft. Was fehlt, ist das Gefühl für Sprache, zu oft holpert es, wirkt unbearbeitet, wie hingerotzt, sind es die Plattitüden, allzu Pathetisches, das die Lust am Lesen stört. Das Erzählte wirkt hauptsächlich durch die Wahl des nicht alltäglichen Themas, durch Sex. Aber dies ist keine hohe Literatur. Und vor allem ist dies keine Autobiografie. Nichts erfährt man über die Herkunft des Mädchens mit dem Künstlernamen Sophie, nichts über ihre Interessen, ihr Privatleben und bewusst nichts über die negativen Seiten der Prostitution. Dies nimmt der Darstellung ihre Vollständigkeit, malt eine Welt in rosarot.
Doch Vollständigkeit ist auch nicht der Anspruch dieses Werkes. Und so sehen wir es als das, was es ist, eine Sammlung von ausgewählten Anekdoten aus dem Leben des Freudenmädchens Sophie, eine ausschnitthafte Darstellung der Arbeit im horizontalen Gewerbe, frisch, warmherzig und unverkrampft erzählt. Ein kleines Buch, kurzweilig und unterhaltsam, das einem den Blick in eine Welt eröffnet, über die man so noch nicht gelesen hat.
Von Mascha Nicksch
Literaturangaben:
BERLIN, SOPHIE: Freudenmädchen Sophie. Autobiographie. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2008. 197 S., 9,90 €.
http://www.berlinerliteraturkritik.de/i ... m?id=18694
.
„Freudenmädchen Sophie“ ist ein unterhaltsames Buch, das einem den Blick in eine Welt eröffnet, über die man so noch nicht gelesen hat
© Die Berliner Literaturkritik, 07.07.08
Prostitution – Sex gegen Geld. Leichte Mädchen, Zwang und Perversion. Kaum jemand, der nicht die schmuddeligen Geschichten aus der Presse von armen, ausgebeuteten Frauen und fiesen Zuhältern kennt. Das älteste Gewerbe der Welt ist behaftet mit Klischees, voller Vorurteile und Mutmaßungen.
Anders kommt nun das, als Autobiografie deklarierte, Buch von Sophie Berlin daher. Jenseits der gängigen Klischees gewährt sie Einblicke in ihren Alltag als Freudenmädchen, ein Beruf, der ihr gleichzeitig Berufung ist. Unbekümmert erzählt sie von anstrengenden Kunden, vielfältigen Sexpraktiken und den kulturellen Unterschieden und Eigenheiten des Gewerbes in anderen Ländern.
Eine „fröhliche Hure“ sei sie, sagt Sophie und betont dabei die Freude, die in dem fast vergessenen Wort „Freudenmädchen“ steckt. Seit zehn Jahren arbeitet sie im Gewerbe, freiwillig und aus Überzeugung. Ihr Einstieg in den Beruf ist sowohl klassisch wie einfach. Nach dem Ende einer Beziehung, auf der Suche nach einem Neuanfang, landet sie in der Puppenstube, einem Hauptstadt-Puff, in dem es zugeht wie auf einer Mädchen-Pyjamaparty. Hier macht sie die ersten Schritte in eine neue Welt, schläft mit den ersten Kunden, schließt Freundschaften mit den anderen Mädchen. Für sie ist es „wie in einem neuen Zuhause ankommen.“ Und von dieser neuen Welt will sie in ihrem Buch erzählen, von Stolz und Zusammenhalt der Mädchen, von Abenteuer, Romantik und dem Sinn der Prostitution.
So folgen dann auch Beschreibungen ihrer Puff-Tage. Schwierige Kunden, champagnergetränkte Nächte, Lachen und Zanken mit den Mädchen, gemeinsame Ausflüge in Clubs. Und vor allem bekommt sie was sie wollte: „viel Sex.“ Denn daran mangelt es nicht in diesem Buch. Detailliert werden die Spezialgebiete der Mädchen, Sado-Maso-Spielchen und Sex zu dritt beschrieben. Auch die einzelnen Kunden werden bedacht: der Minister, mit der Vorliebe für Blasmusik oder „Montagspeter“, der bezeichnenderweise die Puppenstube regelmäßig am ersten Wochentag beehrt.
All das erzählt Sophie Berlin frisch und unverkrampft. Manchmal wird es lustig, oft sinnlich, vor allem voyeuristisch. Gerade was die Abläufe im Bordell angeht, schafft sie die Gradwanderung zwischen Erotik und sachlicher Beschreibung. Leider ist die Sprache dabei oft zu einfach, zu unbearbeitet, wirkt nur über das, was erzählt wird.
Was stimmt, ist das Gefühl, die Neugier, die Lust auszuprobieren, zu entdecken. Sophie lernt viel über Sex, über verschiedene Praktiken, über Vorlieben und immer wieder ist sie erstaunt „wie viel Spaß Arbeit machen kann“.
Und ihre Neugier treibt sie weiter. Als „Wanderhure“ kommt sie nach Tokio, wo es in den Hostess-Clubs keinen Sex, aber Karaoke gibt, wo sie ihr „Kopfkissengeld“ in Bade-Puffs und Love-Hotels verdient und auf absurde Fetische und kulturelle Missverständnisse trifft. In Sydney dann verschlägt es sie in ein Edelbordell, wo der Sex sich wahlweise im ägyptischen-, Kolonial- oder Disco-Zimmer abspielt.
Die Beschreibungen der länderspezifischen sexuellen Eigenheiten erlauben Einblicke, die man so woanders kaum erfahren dürfte, und sie machen das Erzählte anschaulich, wirken die Darstellungen von immer neuen Praktiken, Kunden und Vorlieben auf Dauer doch etwas langatmig und spannungsarm.
Am Ende kehrt Sophie nach Berlin zurück. Der Zauber des Anfangs ist verflogen, der Job wird zum Alltag und sie um die Erkenntnis reicher, dass auch im Gewerbe nicht ausschließlich der sexy Körper zählt, sondern eine gehörige Portion gesunder Menschenverstand, ein großes Herz und jede Menge Humor nötig sind. Und so sind es dann auch die „Anderen“, die Sophie im letzten Teil des Buches bedenkt. Die Gehemmten, die Schüchternen, der „Streichelossi“ und „Schwanzmicha“. Alle die, die körperliche oder geistige Defizite haben oder einfach nur spezielle sexuelle Vorlieben, die sie sonst nirgendwo ausleben können.
Dabei stellt sie niemanden bloß, betrachtet nicht das Traurige, manchmal Peinliche in den Vorgängen, sondern ist vielmehr erstaunt über die Dankbarkeit und Normalität, dieser doch so „anderen“ Kunden. Mit ein wenig zu viel Pathos kommt es daher, wenn sie sich deshalb als kulturelle Botschafterin beschreibt und Huren zu Heldinnen stilisiert, doch die Aussage ist deutlich: die Aufgabe der Prostitution geht weit über das Sexuelle hinaus.
Was Sophie Berlin geschrieben hat ist ein kleines Buch. Sie lässt den Leser teilhaben an ihrem Leben als Hure. Von den Anfängen in der Puppenstube, über ihre Wanderjahre, bis zur Heimkehr in die Hauptstadt.
Ihr Ton dabei ist frisch, jung und unverkrampft. Was fehlt, ist das Gefühl für Sprache, zu oft holpert es, wirkt unbearbeitet, wie hingerotzt, sind es die Plattitüden, allzu Pathetisches, das die Lust am Lesen stört. Das Erzählte wirkt hauptsächlich durch die Wahl des nicht alltäglichen Themas, durch Sex. Aber dies ist keine hohe Literatur. Und vor allem ist dies keine Autobiografie. Nichts erfährt man über die Herkunft des Mädchens mit dem Künstlernamen Sophie, nichts über ihre Interessen, ihr Privatleben und bewusst nichts über die negativen Seiten der Prostitution. Dies nimmt der Darstellung ihre Vollständigkeit, malt eine Welt in rosarot.
Doch Vollständigkeit ist auch nicht der Anspruch dieses Werkes. Und so sehen wir es als das, was es ist, eine Sammlung von ausgewählten Anekdoten aus dem Leben des Freudenmädchens Sophie, eine ausschnitthafte Darstellung der Arbeit im horizontalen Gewerbe, frisch, warmherzig und unverkrampft erzählt. Ein kleines Buch, kurzweilig und unterhaltsam, das einem den Blick in eine Welt eröffnet, über die man so noch nicht gelesen hat.
Von Mascha Nicksch
Literaturangaben:
BERLIN, SOPHIE: Freudenmädchen Sophie. Autobiographie. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2008. 197 S., 9,90 €.
http://www.berlinerliteraturkritik.de/i ... m?id=18694
.