Sexarbeiterinnen, die „freien“ Töchter der Ökonomie?

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annainga
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Sexarbeiterinnen, die „freien“ Töchter der Ökonomie?

Beitrag von annainga »

Sexarbeiterinnen, die „freien“ Töchter der Ökonomie?
Vortrag von Cordula Höbart und Johanna Reithner, 21.06.2006

Sexarbeit in Österreich
Die häufigste Form von Sexarbeit ist die heterosexuelle, in der eine Frau die Dienstleisterin ist und ein Mann der Kunde; sie wurde auch im Vortrag behandelt. Laut TAMPEP variieren die Erscheinungsformen von Sexarbeit aber nach Ländern.
In Österreich sind 60-80% der in der Sexarbeit tätigen Frauen Migrantinnen. Genaue Zahlen, wie viele Sexarbeiterinnen es tatsächlich gibt, existieren nicht, da sich viele nicht registrieren. In Wien beispielsweise sind 1300 Frauen und 20 Männer registriert.

Was ist Prostitution, was Sexarbeit?
In der Broschüre „wenn SEX ARBEIT war ...“ heißt es dazu: „Ausgehend von den USA wurde der Begriff der ‚Sexarbeit’ international etabliert. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass es sich um Arbeit handelt. Die Idee dahinter ist, Arbeitsrechte [...] einzufordern. Zusätzlich umfasst der Begriff der ‚Sexarbeit’ mehrere Arbeitsbereiche in der Sexindustrie“ (Interkulturelles Zentrum und Volkshilfe Wien 2007:31f.). Prostitution auf der Straße oder in Bordellen gehört dazu, ist also sozusagen eine Unterkategorie.

Definitionen von Sexarbeit
- Auf einer Konferenz in Brüssel 2005 wurde das Manifest der SexarbeiterInnen beschlossen, in dem es heißt: „Sexarbeit ist definitionsgemäß Sex in beiderseitigem Einverständnis. Sex der ohne dieses Einverständnis stattfindet, ist keine Sexarbeit, sondern Gewalt oder Sklaverei“ (zitiert nach Interkulturelles Zentrum und Volkshilfe Wien 2007:32).
- SOPHIE – Bildungsraum für Prostituierte sieht Sexarbeit als zwischen zwei Erwachsenen freiwillig vereinbarte Dienstleistung gegen Bezahlung  Wichtig ist also die Abgrenzung zu Frauenhandel und Kindern/Jugendlichen. Die Abgrenzung zu Sex in einer Paarbeziehung (z. B. einer Ehe) ist allerdings nicht mehr ganz einfach.
- Im Wiener Prostitutionsgesetz wird von der „Duldung sexueller Handlungen am eigenen Körper oder [der] Vornahme sexueller Handlungen, soweit Gewerbsmäßigkeit vorliegt“ gesprochen.

Prostitution ist seit 1975 legal, seit 1986 besteht Steuerpflicht für Prostituierte. Auf Bundesebene sind das AIDS-Gesetz und das Geschlechtskrankheitengesetz relevant – Prostituierte müssen sich einmal pro Woche einer medizinischen Untersuchung unterziehen, was aber nicht bedeutet, dass sie somit Zugang zu Gesundheitsvorsorge generell haben.
Wie und in welcher Form Prostitution ausgeübt werden darf, ist in Österreich Ländersache. In Tirol und Vorarlberg z. B. muss dies in einem genehmigten Bordell geschehen (damit kommt auch noch die Kommunalebene ins Spiel), in Vorarlberg gibt es aber kein solches. Für die Sexarbeiterin bedeutet das, dass sie in ein Dilemma zwischen Bund und Land gerät, weil sie sich einerseits untersuchen lassen muss, andererseits aber gar nicht arbeiten darf.
Ein weiteres Problem ist die Sittenwidrigkeit, die zum Inhalt hat, dass eine Sexarbeiterin ihren Lohn nicht einklagen kann (laut einem Urteil aus 1989).
Im Fokus der Gesetze stehen laut den Vortragenden der Schutz des Mannes, die Volksgesundheit, (innere) Sicherheit, aber nicht die Interessen der Frauen.


Neoliberalismus und Sexarbeit
Folgende Fragen sind in diesem Verhältnis von Relevanz:
- Hat der Markt der sexuellen Dienstleistungen auch neoliberale Züge?
- Wer ist das Subjekt?
- Wo ist die Sexarbeiterin verortet?

Allgemeine Kennzeichen des Neoliberalismus
- Der Markt ist eine Institution, die über allen gesellschaftlichen Bereichen steht.
- Die Organisationsmethode ist der Wettbewerb. Friedrich August von Hayek meinte z. B, dass Wettbewerb ein Verfahren zur Entdeckung von Tatsachen sei, die sonst nicht auftauchen oder genutzt werden würden.
- Wichtig ist auch das Phänomen der Individualisierung. Jede Person ist gleichzeitig UnternehmerIn ihrer selbst und ihr eigenes Produkt.
- Das Subjekt des Neoliberalismus ist der homo oeconomicus, ein kulturloser Modellcharakter der Neoklassik, der seinen Nutzen maximiert. Dies entspricht dem Grundgedanken des Neoliberalismus.

Sexarbeit und Neoliberalismus
- Die Branche der sexuellen Dienstleistungen ist marktmäßig organisiert:
o Viele AnbieterInnen
o Gesteigerter Wettbewerb
o Ökonomische Selbstregulierung, keine Organisierung
o Individualisierung des Angebots und der Nachfrage; auf individuelle Wünsche der Kunden wird eingegangen
o Jede ist Unternehmerin ihrer selbst; neue Selbstständige. In der Sexarbeit kann das nach Meinung der Vortragenden als Fortschritt angesehen werden, in anderen Bereichen als Rückschritt.
o Jede ist ihr eigenes Produkt – z. B. haben immer mehr Prostituierte ihre eigene Homepage.
o Individueller Nutzen (der Kunden): „Alle Träume werden wahr“
- Ist die Sexarbeiterin also eine femina oeconomica?
o Gabriele Michalitsch (2007) meint dazu, dass dies ein Widerspruch in sich sei, da der Mann die Norm und die Frau deviant ist.
o Wo bleibt die Sexarbeiterin in der Trennung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit? Als Anbieterin in einer Marktbranche bewegt sie sich in der öffentlichen Sphäre, während Sexualität der Intim-/Privatsphäre zugeordnet wird. Gleichzeitig ist sie eine Frau (auch dem Privaten zugeordnet).
o Diese Grenze überschreitet sie also permanent. Der Kunde verbleibt aber in der Privatheit.
- Sexualität soll im bürgerlichen Denken aus Liebe und gratis sein.
- Begriff „Hure“: spricht das sexuelle Begehren von Frauen an. Alle Frauen (mit ihrem Begehren) werden stigmatisiert, wenn Sexarbeiterinnen stigmatisiert werden.

Zum Schluss des Vortrags wurden noch einige Thesen aufgestellt, die auch auf dem Abstract zu finden sind.
Diese sollen hier nicht wiederholt werden, dafür soll noch auf einige Aspekte der Diskussion eingegangen werden:

Zuhälter behalten deshalb ihre Macht, weil das Konzept der Sittenwidrigkeit immer noch existiert (die Frau kann ihren Lohn nicht einklagen, das „Geld muss aber reinkommen“). Auch hier ist die Abgrenzung des Begriffs schwierig – sind alle, die von den Einkünften der Prostituierten leben/profitieren (Partner; erwachsene Söhne), Zuhälter?

Zur Frage nach dem zahlenmäßigen Verhältnis von „freiwilliger“ und „Zwangs-“prostitution wurde eine weitere Frage aufgeworfen, nämlich danach, was Freiwilligkeit in diesem Zusammenhang überhaupt bedeutet; so sind z. B. alle Menschen mehr oder weniger gezwungen, einer Erwerbsarbeit nachzugehen, MigrantInnen haben in vielen Ländern nur einen extrem eingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt, also ohnehin „keine Wahl“.

In Österreich gibt es – im Gegensatz zu Schweden (wo Prostitution als Gewalt gegen Frauen gesehen wird), den USA (wo Prostitution fast überall illegal ist), Deutschland und den Niederlanden (beide mit eher liberalen Gesetzgebungen) ein Modell der Regulierung. Das bedeutet:
- Pflicht zur behördlichen Datenerfassung
- Pflicht zur Untersuchung (HIV, sexuell übertragbare Krankheiten)
- Steuerpflicht
- Aber keine Rechte (gemeint waren in meinem Verständnis Arbeitsrechte)
- Es stellt sich auch die Frage, wer überhaupt Zugang zu einer vorgeschriebenen Registrierung hat.

In den Thesen wird angesprochen, dass Sexarbeiterinnen umstritten sind, weil sie die Geschlechterrollen in Frage stellen. Dies bezieht sich auf die symbolische Ebene, nämlich die Überschreitung der Grenze öffentlich/privat. Außerdem nehmen sie Geld für etwas, das Männern ihrer Meinung nach ohnehin (gratis) zusteht.

Literatur und Quellen
Doezema, Jo (1998): Forced to choose: beyond the free v. forced prostitution dichotomy, in:
Interkulturelles Zentrum und Volkshilfe Wien (2007): wenn SEX ARBEIT war ..., Wien.
Kempadoo, Kamala/Doezema, Jo (Hg.) Global Sex Workers: Rights, Resistance and Redefinition, New York, London: Routledge.
Michalitsch, Gabriele (2007): Die neoliberale Domestizierung des Subjekts – Von den Leidenschaften zum Kalkül. Wien, New York: Campus Verlag.
http://ris.bka.gv.at/lr-wien/ (26.06.2007).
http://tampep.com/ (26.06.2007).
http://www.socialinfo.ch/cgi-bin/dicopo ... cfm?id=732 (26.06.2007).