Prostituierte in Frankfurt
Weiche Knie für 150 Euro die Stunde
Romana und Silvia schlafen mit Männern und bekommen Geld dafür - freiwillig, ohne dass ein Zuhälter sie zwingt. Aus dem Leben zweier Prostituierter.
Körperliche Arbeit: Prostituierte in ihrer Hostessenwohnung
Fenster auf. Die Gerüche des vergangenen Tages, der vergangenen Nacht sollen raus. Denn Sex stinkt. Nach Latex, Sagrotan und Schweiß. Romana schaut auf die Straße. Ringsum schöne Häuser, darin Menschen, die nicht ahnen, was hinter diesen Gardinen im zweiten Stock passiert. Die vielleicht bemerken, dass jede Woche ein anderer Name an der Klingel steht. Sommer, Winter, Glück, Vogel. Dass unbekannte Männer kommen und nach einer Stunde wieder verschwinden. Eine Stunde für 150 Euro. Romana geht duschen.
Romana, 35 Jahre, lange rote Haare, 1,70 Meter groß, 125 Kilogramm schwer, Körbchengröße 100 E, macht „GV, französisch, schmusen, kuscheln, KB passiv und Ganzkörpermassagen“. So steht es in ihrer Anzeige. Romana, noch jung und naiv, rutscht zufällig in die Branche. So erzählt sie es. Mit Anfang 20 arbeitet sie im Sonnenstudio, hört, wie sich die Kundinnen über Preise und Arbeitszeiten unterhalten. Sie tragen teuren Schmuck. Sie verdienen wohl viel Geld, viel mehr als im Sonnenstudio. Romana probiert es ein erstes Mal. Der Mann ist älter, er ist gut zu ihr. Zwei Tage später mietet sie ihre erste Arbeitswohnung, empfängt drei Männer täglich, wenn es gut läuft fünf oder sechs. Sie würde nie in einem Laufhaus arbeiten, in dem die Männer sich die Frauen aussuchen. Sie will die Männer wählen und entscheiden, ob sie über ihre Schwelle dürfen. Sie will bestimmen, wann die Männer einen Orgasmus haben und wann nicht. Romana fühlt sich dann mächtig.
„Ich bin eine gute Hure“
Wie nennt sie das, was sie da seit zehn Jahren macht? „Ich habe gar kein Wort dafür. Es ist einfach Arbeit.“ Romana denkt nach. „Am ehesten würde ich sagen“ - es ist, als wollten ihre Lippen das Wort gar nicht formen - „Prostituierte.“ Das Wort klingt in ihr nach. Sie schweigt.
„Ich bin eine Hure. Eine gute Hure.“ Silvia weiß, wie sie bezeichnet werden will. „Ich habe nur was gegen den Begriff Nutte. Das klingt billig.“ Silvia ist 40 Jahre alt, schmal, und auf den Bildern im Internet schaut sie die Männer schmollend oder herausfordernd an. Daneben stehen Bewertungen ihrer Gäste. „Wenn man nach einem Treffen mit weichen Knien rauskommt und sich fragt, war das Wirklichkeit oder nur ein Traum, dann war man bei Silvia.“ Die Männer fürchten sich ein wenig vor Silvia. Und ihr gefällt diese Furcht.
Das Klischee sagt: Prostituierte sind schwache Geschöpfe, die von schlagenden Zuhältern gezwungen werden, ihren Körper zu verkaufen. Die nur auf die Chance warten, endlich aus dem Milieu zu fliehen. Die Politik will: Prostituierte sind selbstbewusste Frauen, frei, sozialversichert, mit Freude bei der Arbeit und einem Konto bei der Sparkasse. Es gibt das alles. Frauen, die auf dem Straßenstrich stehen und für die schnelle Nummer nur zehn Euro verlangen, und Frauen, die Männer in die Oper begleiten und dafür 500 Euro nehmen. „Happy End“ kostet extra. Das Milieu ist nicht nur rot, es ist bunt.
Jede Woche woanders
Romana und Silvia sind Terminfrauen. Sie ziehen jede Woche in eine Wohnung in einer anderen Stadt. Wien, München, Gießen, Frankfurt, 50 Euro Miete am Tag. Andere Huren geben Tipps, wo es gerade gut läuft. Sie annoncieren im Internet und in Zeitungen. Eine Handvoll Wörter, ein großes Versprechen: „Reife! Alles ohne!“, „Internationale Girls! Neue Polinnen!“, „45 Jahre, öffnet nackt!“, „Flötenspielerin reif/erfahren“. Der Ablauf ist immer gleich: Die Männer rufen an, die Frauen säuseln von ihren himmlischen Diensten, sie machen einen Termin. In Silvias Anzeige steht, dass sie zwischen zwölf und 21 Uhr zu erreichen ist. Um elf Uhr klingelt mindestens eines ihrer vielen Diensthandys. Sie hat eins für die Kunden aus dem Internet, für die aus der Zeitung, eins für Stammkunden. Sie macht Marktforschung in eigener Sache. „Klar, die Zeiten sind schon schwerer geworden, mit Konkurrenz aus Osteuropa und so. Aber dann muss man eben den Männern was bieten, dann läuft es auch.“
Silvia ging immer weiter. Erst schlief sie nur mit den Männern, nahm dann Peitschenhiebe und Fesselspiele ins Programm. Dann küsste sie die Männer auf den Mund. Und seit zwei Monaten lässt sie auf den Bildern im Netz ihr Gesicht nicht mehr verpixeln. Silvia hat nur noch eine Grenze: nie ohne Kondom.
Früher machte sie auch Escort und begleitete Geschäftsleute auf ihren Reisen. Sie verdiente viel Geld. Ihren Stammkunden schreibt sie Nachrichten über das Internet, macht ihnen kleine Geschenke. Kundenpflege eben. In ihren Arbeitswohnungen liegt immer ein Stück teure Seife, nie die billige Flüssigseife aus dem Supermarkt, und manchmal mixt sie Begrüßungscocktails. Sie bringt ihr eigenes Bettzeug mit, und in ihrer aktuellen Wohnung hat sie frischgewaschene Vorhänge aufgehängt. Aber: „Die buchen dich nicht wegen deiner Schönheit und netten Art. Du musst da schon Leistung bringen.“ So sieht sie es: Sex ist Arbeit, die Herausforderung, dem Mann für sein Geld einen ordentlichen Gegenwert zu geben. Hat sie Freude am Sex? „Ich mache meinen Beruf gerne. Es fällt mir leicht.“
Silvia, die Geschäftsfrau
Sie fing mit 23 Jahren an. Sie lernte Fleischereifachverkäuferin, ihre Eltern und Geschwister bestellten auf ihren Namen Klamotten und Fernseher. Sie hatte Schulden und brauchte schnell viel Geld. Anschaffen sah sie als einzigen Weg. Es klingt ganz logisch und geschmeidig, wenn Silvia das erzählt. Von der Fleischereifachverkäuferin zur Prostituierten. Hat es überhaupt jemals einen Bruch in ihrem Leben gegeben? Silvia findet keinen.
Ihre Erinnerungen an das erste Mal, als sie sich verkaufte, sind welk und brüchig. Aber sie erinnert sich an das Gefühl, keine Schulden mehr zu haben. „Da war ich frei“, sagt Silvia. Sie versteht nicht, wie Frauen in der Prostitution unglücklich sein können. „Wenn du nicht voll bei der Sache bist, bist du auch nicht gut. Dann kommen keine Männer, und du verdienst kein Geld. Angebot und Nachfrage. Ganz einfach.“ Silvia, die Geschäftsfrau.
Silvia zieht allein durch die Städte, Romana hat fast immer ihre liebste Arbeitskollegin dabei, Luci. So fühlen sich beide sicherer. In den Terminwohnungen hat jede ihr Zimmer, es gibt getrennte Kassen. Luci ist sehr dünn, auf ihrem Gesicht blüht nichts mehr als die Enttäuschungen der vergangenen Jahre. Sie küsst die Männer nicht auf den Mund, deswegen verdient sie nicht viel. Auch Romana küsst nicht, aber die Männer mögen es, wenn sie jedes ihrer 125 Kilogramm einsetzt. Das Normale sei langweilig geworden, sagt Romana. Deswegen gebe es immer mehr Transsexuelle in der Szene, und deswegen verdient die mollige Romana trotz billiger Konkurrenz aus Osteuropa noch immer gutes Geld.
Das teure Make-up
Wenn ihre Eltern oder Geschwister fragen, woher sie das Geld für die schönen Fingernägel und das teure Make-up habe, sagt Romana, sie mache erotische Fotos. Für die ganze Wahrheit fehlt ihr der Mut. „Mir ist schon klar, dass die Familie sich so was nicht wünscht.“ Die Terminwohnungen sucht sie sich am liebsten in Österreich und der Schweiz, weit weg von den Brüdern und Schwestern mit ihrer Haus-und-Kind-Idylle. Weit weg von Arbeitgebern, die Fragen stellen könnten zu den vergangenen Jahren in Romanas Lebenslauf.
„Niemand stellt eine ehemalige Prostituierte ein“, sagt sie. „Die Männer finden es erst spannend, dann doch irgendwie anrüchig. Und die Frauen glauben, dass ich über alle Männer herfallen würde. Dabei sind wir genauso diszipliniert wie andere Arbeitnehmer auch. Ich stehe auch morgens auf und mache meine Arbeit.“ Sie atmet lange ein. „Ich mache mir eigentlich keine Gedanken über die Zukunft.“ Sie lacht. Es klingt eine Spur zu hoch. Sie will einen glauben machen, dass sie mit sich im Reinen ist. „Es ist doch toll, dass ich mit meinem Aussehen und meinem Körper, so, wie ich bin, Geld verdienen kann.“ Fast alle in ihrer Familie seien selbständig. Das Schlimmste wäre es für Romana, vom Staat abhängig zu sein.
Fühlt sie sich manchmal von den Männern ausgenutzt? Romana versteht die Frage nicht. Sie schüttelt stolz ihre rote Mähne. „Ich bekomme doch Geld dafür.“ Sie wollte ihren Körper den Männern nie umsonst überlassen. Die Frauen, die das Wochenende für Wochenende täten, seien die wirklichen Schlampen.
Silvia hatte in den Städten bald einen guten Ruf. Als ihre Mutter und Schwester sie einmal besuchen kommen wollten, sagte der Taxifahrer augenzwinkernd: „Oh, zur Silvia wollt ihr, ja? Zu der fahre ich auch oft.“ So erfuhren sie es. „Ich bin dann ganz offen damit umgegangen. Habe auch nie schlechte Erfahrungen gemacht.“ Aber wer länger mit Silvia spricht, merkt, dass das nicht stimmt. Wenn alles so einfach wäre, würde hier ihr richtiger Name stehen, und auch ein Foto wäre kein Problem.
Wenn alles so einfach wäre, wenn das Misstrauen nicht wäre. Die Huren sehen, wie die Männer mit Ring am Finger zu ihnen kommen, sich neben sie auf die Bettkante setzen und sagen: „Ich liebe meine Frau. Aber mir fehlt der Sex mit ihr.“ Romana hat bald das Vertrauen in die Männer verloren, alle bisherigen Beziehungen zerbrachen, und Silvia hat gleich ganz aufgehört, den Prinzen zu suchen. Sagt sie. „Ich weiß gar nicht, ob mir ein Mann reichen würde.“
Aber vor vier Jahren waren es zu viele. Silvia arbeitete durch, Sekt, Sex, Sekt, Sex. Ihr Körper war kalt und bleich. Dann fiel sie um, vor dem Kunden, auf den Schlafzimmerboden. Sie konnte nicht mehr aufstehen, ihre Beine bewegten sich nicht. Notärzte trugen sie aus der Wohnung, eine Woche verbrachte sie auf der Intensivstation. Ein Arzt sagte: Sie sind schwer krank. Nichts Organisches, aber der Körper wollte nicht mehr. Er verweigerte ihr den Dienst, ihr Kapital, ihre Arbeitsgrundlage war dahin.
Mit 80-Prozent-Behindertenausweis
Silvia saß mehrere Monate im Rollstuhl. In der Physiotherapie lernte sie langsam wieder gehen. Heute empfängt sie nur noch drei Freier am Tag. Erzählt sie von ihrem Absturz, erzählen ihr die Männer von Burn-out und Depressionen. „Ich bin wohl die einzige Prostituierte mit einem 80-Prozent-Behindertenausweis.“ Silvia grinst. Dann spannt sie ihren Körper plötzlich an, ohne Vorwarnung. Sie spricht schnell, drückt die Wörter zusammen, verpackt sie in zwei kurze, harte Sätze, als ob sie darin ihr Leben einschnüren wollte: „Wovor soll ich noch Angst haben? Ich habe jeden Scheiß mitgemacht.“
Sie denken beide manchmal ans Aufhören. Nicht weil sie Skrupel kriegen, sondern weil Männer keine alten Huren buchen. Silvia will nächstes Jahr kürzertreten. Im Moment macht sie nebenbei eine Fortbildung in Bilanzbuchhaltung. Sie mag das, Zahlen, Listen, Ordnung. Sie probt das bürgerliche Leben. Sie sagt, es fühle sich gut an. Aber sie weiß nicht, ob sie jemals ganz mit der Prostitution aufhören wird. „Ich denke, mir würde etwas fehlen.“
Romana träumt sich manchmal fort. In die Arme eines Mannes, der sie mag, voll und ganz, der nicht nur den kostenlosen Sex mit einer Prostituierten sucht. Sie wartet auf den Retter. „Der Beruf hilft mir nicht gerade dabei, den richtigen Partner zu finden, der mich rausholt. Aber ich hoffe immer noch.“ Vielleicht ist das Leben doch ein Märchen? Silvia schüttelt den Kopf, ihre kurzen Haare fliegen. „Gerettet werden? Bloß nicht. Ich will nicht, dass ein Mann Verantwortung für mich übernimmt.“ An ihrem Hals hat sie ein großes Tattoo. Bunte Schmetterlinge, die fliegen.
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Zuletzt geändert von fraences am 09.10.2013, 21:40, insgesamt 1-mal geändert.
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