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 Boris Büche
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Ich bin...: ohne Angabe
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BeitragVerfasst: 2018-04-08, 13:46  Beitrag #1/2     Titel:  Tagebuch einer Verlorenen - Thymian Gotteball in memoriam  Nach untenNach oben

Das Tagebuch einer Verlorenen erschien 1905 und wurde zu seiner Zeit ein Bestseller.

Der heute von der Literaturwissenschaft vergessene Schriftstellerin Margarete Böhme (1869-1939) wurde schon damals die Autorenschaft zugeschrieben, die Authentizität des Textes bezweifelt. Margarete Böhme selbst bezeichnete sich im Vorwort als Herausgeberin, die nur geringfügige Änderungen am Text vorgenommen habe, um dessen Veröffentlichung möglich zu machen: Namensänderungen der handelnden Personen, und Streichung mancher Stellen, wohl zu expliziten Inhalts. Das ihr hinterlassene Tagebuch einer verstorbenen Freundin sei Grundlage gewesen, und "nichts liegt mir ferner als die Absicht, die pikante Literatur um ein Buch zu bereichern", sagte Margarete Böhme.

Das Werk enthält denn auch nichts, was nach einer solchen Absicht aussieht, und auch nichts, was auf eine andere Absicht hindeutet. Die Tatsache, dass die Autorin Thymian Gotteball als historische Person nicht nachweisbar war und ist, irritiert nicht. Die Anonymität einer Freundin auch posthum zu gewährleisten, ist unter dem Stigma eine Selbstverständlichkeit. Wir sollten keinen Zweifel hegen, dass dieses Buch tatsächlich eine der raren Autobiografien historischer Sexarbeiterinnen ist. Margarete Böhme begründet ihre Veröffentlichung als "Beitrag zu einer brennenden sozialen Frage unserer Tage."

Die Funktion des Hurenstigmas, und die Zumutung, unter ihm zu leben, sind wiederkehrendes Thema in den Aufzeichnungen von Thymian Gotteball (?1871-6.April 1903), die ab etwa 1892 in Hannover, Hamburg und Berlin als Haushaltshilfe, Privatlehrerin für Fremdsprachen, daneben als High-class-Escort tätig war, wie wir heute sagen würden. Eine illegale Tätigkeit damals, eine illegitimierte noch heute. Die Autorin entstammte bürgerlichen Verhältnissen, wurde als Jugendliche - unaufgeklärt, wie zeitüblich - durch einen Angestellten ihres alleinerziehenden Vaters schwanger, und damit zur "Schande", nachdem sie in eine Heirat nicht einwilligte. Ihr Vater gab sie in "Fürsorge", das Kind wurde ihr durch Adoption entzogen, und eine Rückkehr in ein "ordentliches Leben" war ihr kaum möglich. Was Thymian Gotteball zu sagen hatte, ist, wie viel sich auch seit der Kaiserzeit geändert hat, erschreckend aktuell:


Schließlich und am Ende liegt doch über jeder, die einmal auf diese Weide geraten ist, eine schwere, trübe Dunstwolke von Tragik und Unglück - Gewiß, es sind auch Mädchen darunter, die ganz und nur durch Leichtsinn und Schuld dazu gekommen sind, aber ich behaupte, dass keine einzige mit vollem Wissen und Bewußtsein sich in diese Tinte hineingeritten hat. Ich kenne jetzt unendlich viele, die nur von der Preisgabe ihres Körpers leben, aber ich weiß ganz sicher und bestimmt, daß sich unter hundert keine fünf befinden, die nicht mit beiden Händen zugriffen, wenn sich ihnen eine Gelegenheit zur Rückkehr in geordnete Verhältnisse böte.
Es gibt soviel Wohltätigkeit und Humanität in der Welt, es gibt Kinderkrippen und Altersversorgungen, Fürsorge für Sträflinge und Gott weiß was noch sonst für nützliche Institute, es wird soviel basart, gemimt, getanzt zum Wohl der leidenden Mitwelt, aber in die Welt tiefsten Elends, der äußersten Finsternis dringt selten ein Strahl barmherziger, werktätiger Nächstenliebe herab. Wie manche würde sich gerne "retten" lassen. Freilich nicht durch Besserungsanstalten und Stadtmissionen, immer von oben herab, von den Kothurn der überlegenen Moral: . . . "Ich danke dir Gott, daß ich nicht bin wie andere - - " und so weiter.
- - Nee, auf diesen Schwindel fällt keine herein - - Nein, um hier zu ändern und zu bessern, müßte schon eine neue Weltordnung, eine vollständige Umkrempelung der Begriffe und Verhältnisse vorangehen. Die Menschen müßten ihren alten Adam ausziehen und ihre Vorurteile wie einen Haufen verlauste Wäsche verbrennen. Die Schranken müßten fallen. Die alten Griechen feierten ja sogar ihre Hetären und die Phönizier verehrten sie als Priesterinnen. Damals waren es die Besten, Schönsten, Klügsten, Gebildetsten ihres Geschlechts, die der Venus dienten, und diese antiken Völker standen wahrhaftig auf keiner niedrigeren Kulturstufe, als die heutige Zeit. Es sollte doch wahrhaftig jeder unbenommen sein, mit ihrem Körper zu machen was sie will. Muß denn da notwendig noch die heilige Feme der öffentlichen Meinung sich aufspielen und den Betreffenden, der es anders macht als die anderen, in einer Stinkflut von Verachtung und Schmähung ersäufen?! Wenn das Gewerbe der Hingabe aufhörte, ein verächtliches Gewerbe zu sein, würde sich das Heer "der Gewerbetreibenden" um vier Fünftel, ja, ich möchte kühn behaupten, um neun Zehntel, vermindern. Ich würde zum Beispiel gern eine Stelle als Gesellschafterin oder Erzieherin annehmen, und ich will verflucht und verdammt sein, wenn ich nicht alles aufbieten würde, meinen Pflichten nachzukommen, wenn ich es mir jemals wieder einfallen ließe, mich mit einem Mann einzulassen. Aber, abgesehen davon, daß es ja wie ein Märchenwunder wäre, wenn unsereins solche Stellung kriegte, hing doch immer das Messer über einem, und sobald die Vergangenheit bekannt würde, flöge man mit einem Fußtritt hinaus und noch tiefer in den Dreck als vorher. Wenn unser Hetärendasein keine Schande wäre und die Rückkehr zu bürgerlichen Berufen uns jederzeit ungehindert freistände, würden die meisten, die nur kurze Zeit das Elend dieses Lebens gekostet hätten, wieder umkehren. So aber sind die Pforten hinter uns abgeschlossen. "Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung draußen."
Am meisten bringt es mich immer auf, wenn diese Philister ihre Weiber mit in die Nachtcafés nehmen, und sie sitzen da und tuscheln und lachen und mokieren sich und wissen gar nicht, wie sie sich haben sollen, um so recht den Unterschied zwischen ihrer geil-fetten Moralität und ihrer bürgerlich behäbigen, unantastbaren Erhabenheit uns armen Sumpfhühnern gegenüber zu betonen. Ich möcht´ ihnen grad´ ins Gesicht spucken, den Gänsen. Als ob eine von ihnen wüßte, was Leben und Leiden heißt. Was wissen die von den Nachtgängen des Lebens, in deren Schatten unsere armen Existenzen verkümmern. Ich möchte ihnen grade zurufen: Seht euch nur vor, ihr seid auch noch nicht zu Ende, vielleicht habt ihr Töchter, von denen euch der Tod abruft und die hier auch einmal sitzen und von scheelen Augen höhnisch gespießt werden . . .
Ich möchte mal eine von den vielen Frauen, die in christlicher Barmherzigkeit, Wohltun und Nächstenliebe machen, sehen, wenn man es ihr zumutete, eine Besucherin des Nationalcafés als Stütze oder Bonne zu engagieren. O Gott, was würde sie sich schütteln und grausen und gegen solche Zumutung protestieren. Ich pfeif´ auf alle christliche Liebe und allen Wohltätigkeitsramsch. Die Menschen sind alle Bestien, Hyänen, ob sie so oder solch ein Fell um ihren corpus haben.

(T.Gotteball, 18. August 1893, Berlin)


Das von Margarete Böhme herausgegebene Buch blieb, da in keinster Weise pornografisch, von der Zensur unbehelligt.

Nicht so eine (Stumm-) Verfilmung durch G.W. Pabst 1929. Den meiner Ausgabe beigefügten Materialien ist zu entnehmen, dass der Film Werktreue nicht angestrebt hat. Von der Geschichte Thymian Gotteballs sind nicht viel mehr als die Grundzüge erhalten, ihr Leben wurde dramaturgisch geglättet, umgeschrieben, und es gibt ein happy end. Die das Werk durchziehende Gesellschaftskritik wurde allerdings übernommen, und der Verbotsverfügung der Filmoberprüfstelle Berlin ist zu entnehmen, dass hier das Hauptmotiv zu sehen ist. Es durfte nicht sein, dass ein Leben im Bordell als freier, besser erscheint, denn die Unterwerfung unter die herrschende Moral. Speziell die (dann schon eher werktreue, und damit realistische) Darstellung des damaligen Rettungsgewerbes stieß der Zensur auf; diese wurde in der Verbotsverfügung als Verleumdung eingeschätzt.

Sieben Monate bin ich jetzt in der Zwangserziehung, resp. Besserungsanstalt des Herrn Pastor Daub und seiner Gattin Ulrike, geb. von Schmidt, in G. bei Lübeck. Es sind pflichteifrige Leute, das kann man nicht anders sagen. Sie bessern gewaltig an mir herum, ob sie mich aber in Wirklichkeit "besser machen", ist eine zweite Frage. Mir kommt es umgekehrt vor, als sei die Atmosphäre der Gottesfurcht, der Sittenstrenge und Enthaltsamkeit im Pastorat gewimmelt voll von Bakterien der Tücke, Heuchelei, Habsucht, Grausamkeit und Hinterlist, die man gegen seinen Willen einatmet und in sich aufnimmt.
Wie ich vorhin mein Buch durchblätterte, fiel mir grade die Stelle ins Auge, wo ich mir so schön gelobte, fromm zu sein, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen und ganz nach Gottes Wort zu leben. Nun, wenn einer systematisch darauf ausgeht, jemand anders alles, was Religion heißt, gründlich zu versäuern, ihm alles Kirchliche zu verwidern, ihm Abscheu und Ekel gegen alles, was mit dem Christentum zusammenhängt, einzutrichtern, so soll er diesen jemand hierherschicken, in das Pastorat zu G. bei Pastor Daub und seiner Ulrike, die schaffen´s. Fromm sind sie, das muss ihnen ihr Feind lassen. [ . . .] Ich habe nie zuvor so unflätig schimpfen hören, als wie die Frau Pastorin es tut, wenn sie wütend ist, und sie wird sehr leicht wütend. Schwein, Biest, Luder, Sau, Schuft, Aas, das sind nur so kleine Kostproben ihres Konversationstons im Verkehr mit den Leuten. Wo sie hinschlägt wächst kein Gras und ihre Hand sitzt sehr lose. Mich hat sie noch nie geschlagen, dagegen sind aus der Blütenlese ihrer Schimpfwortplantage auch schon manche Rosen und Röslein auf mich niedergeregnet. Ich bin so etwas wie das schwarze Schaf im Hause. Alle - mit Ausnahme der Dienstboten - nehmen eine feierliche, ernste, strenge Miene an, wenn sie zu mir sprechen. Ich bekomme jeden Tag ein Extrafutter von frommen Reden und Ermahnungen.

(T.Gotteball, undatiert, ca. 1890)


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Verfasst: 2018-04-08, 13:46  Beitrag #     Titel:  Nach untenNach oben

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BeitragVerfasst: 2018-04-09, 17:46  Beitrag #2/2     Titel:  (Kein Titel)  Nach untenNach oben

@Boris

sehr interessantes Fundstück.

Danke!

Kasharius grüßt


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